Freitag, 28. Juli 2017

DOWN BY LAW (1986 Jim Jarmusch)


Der DJ Zack landet im Knast weil er reingelegt wurde, und selbiges geschieht dem zu sanften Zuhälter Jack. Beide teilen sich unfreiwillig die selbe Zelle, bis Roberto als dritter Mann hinzustößt und die pessimistische Stimmung mit seiner guten Laune ruiniert. Zudem entdeckt er einen Weg nach draußen, so dass das Trio trotz aller Differenzen gemeinsam aus dem Gefängnis ausbricht und sich durch die Sümpfe von Louisiana schlägt...


Zwei Zyniker und ein guter Kerl...

Zwei sich selbst hassende Zyniker landen im Knast und ähneln einander zu sehr, als dass sie sich ausstehen könnten. Mit möglichst wenig Kontakt zueinander, soweit dies eine kleine Gefängniszelle zulässt, arrangieren sie sich halbwegs. Als die Frohnatur Roberto ebenfalls in die selbe Zelle gesperrt wird, wird er zum Störfaktor und somit zum größeren Übel. Doch Roberto gelingt es mit seiner kontaktfreudigen Art das Eis soweit wie möglich zu brechen, und ein gemeinsamer Gefängnisausbruch schweißt die drei mehr zusammen als es den beiden Zynikern lieb ist - offiziell versteht sich. Einen Plot den manch einer wild und albern inszeniert hätte, den setzt Regisseur und Autor Jim Jarmusch langsam und subtil erzählt um.

Die Annäherung der Protagonisten geschieht derart schleichend, dass man sie lange Zeit als Stillstand wahrnimmt, ohne zu bemerken, dass eine Annäherung bereits stattfindet. Stiller, gut gesetzter, geistreicher Humor bereichert das wortkarge, in aller Seelenruhe abgefilmte Minimum an Ereignissen. Die Bilder sind in glasklarem, beeindruckenden Schwarz/Weiß gehalten und künstlerisch wertvoll abgefilmt. Die Darsteller wissen zu überzeugen, selbst ein Tom Waits, der zwar Musiker ist, aber durch Jugendgang-Filme wie „Rumble Fish“, „Vorhof zum Paradies“ und „Die Outsider“ längst Schauspielerfahrung sammeln konnte. Der ruhigen Inszenierung setzt Jarmusch humorfördernde und überraschende Handlungssprünge entgegen, die kostenreichere Szenen einsparen, bzw. ereignisreichere Szenen ausblenden, damit der ruhige Grundton erhalten bleibt.

Freilich wird in einer solch zurückhaltend angegangenen Inszenierung keiner am Schluss mit der heilen Welt-Verbrüderung rechnen, wie sie in einem gewöhnlichen Mainstreamwerk aufgrund der Annäherung aneinander und durch der wachsenden Sympathie zueinander dick aufgetragen präsentiert würde. Ganz im Gegenteil zeigen die beiden Zyniker selbst gegen Ende hin nach außen nicht ihre gewonnene Sympathie zueinander. Ihre unbedarfte Art entlarvt diese leicht, überschattet von einem selbstüberschätzten Selbstbewusstsein der Arroganz.

Am Ende muss man getrennte Wege gehen, denn die erlangte Freundschaft würde nie über die gemeinsam angegangene Ausbruchssituation hinaus bestehen. Es ist unwahrscheinlich dass sich die drei, oder zumindest zwei von ihnen, je wiedersehen. Aber diese Fragen lässt Jarmusch für den Zuschauer ebenso im Raum stehen, wie ausgeblendete andere Fragen, die sich mitten im Stoff befinden. So gefällt mir beispielsweise das Schlussbild in der Hotelszene, in welcher ein junges Mädchen mit einem Polizisten im Bett zurückbleibt, der sie auf unsensible Art versucht zu trösten. Ist es der Mangel an Erfahrung solcher Situationen, der ihn zwielichtig wirken lässt, oder tickt in ihm gar selbst der lüsterne Pädophile? Eine Antwort darauf ist nicht wichtig für die Geschichte, nicht ansatzweise, selbst die Frage ist es nicht. Und die Vermutung ist nicht wahrscheinlich. Aber das Gefühl steht im Raum. Und da es jeglicher Situation im Film ebenso ergeht, ist dieses Ungenannte im Raum, die Vermutung, die auch Irrtum sein kann, der Kern des Streifens, der Motor der ihn am Laufen hält - zumindest für Freunde subtilen Kinos.


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Montag, 24. Juli 2017

DER MANN MIT DER TODESKRALLE (Enter the Dragon 1973 Robert Clouse)


Nach seiner Ausbildung wird der beste Schüler Lee von seinem Meister gebeten einen ehemaligen Schüler zu stoppen, der die ehrenwerten Lehren des Shaolin-Tempels zum Bösen wendete. Hierfür nimmt Lee an einem Karatetournier teil, der dieses Jahr auf der Insel von Han Shien Kien stattfindet, besagtem ehemaligen Schüler, der dort eine große Organisation aus kampferfahrenen Experten ins Leben gerufen hat zur Herstellung von Drogen...


Die bekannteste Todeskralle bevor Freddy kam...

Gleich vorweg: es ist schwer „Der Mann mit der Todeskralle“ zu sichten, bzw. über ihn zu schreiben, wenn man seit etlichen Jahren immer wieder einmal „The Kentucky Fried Movie“ gesehen hat, dessen Hauptepisode sich den hier besprochenen Film zur Brust nahm. Der war schließlich spätestens durch den viel zu frühen Tod von Bruce Lee kurz nach Drehende zum Kultobjekt geworden, und wenn man einmal ehrlich ist verdient er es mit seinen offensichtlichen Schwächen auch parodiert zu werden. Allerdings klingt das strenger als ich es meine, mag ich den Streifen doch. Allerdings bietet er tatsächlich allerhand Material, das geradezu danach schreit parodiert zu werden.

Davon einmal abgesehen hat der Kampfsportfilm-erfahrene Regisseur Robert Clouse, der auch mit Jackie Chan „Die große Keilerei“ drehte und mit „Night Eyes“ Anfang der 80er Jahre in der Ausnahme auch mal einen Horrorfilm abgedreht hat, einen kurzweiligen Film mit simpler Story abgeliefert, die eigentlich ohne große Umschweife das bietet, was der Fan des Genres auch sehen will. Lee präsentiert abwechslungsreiche, eigens choreographierte Kampfmethoden inmitten einer schlicht gehaltenen Gut-Böse-Story, die zwar in ihrer Personen-getrennten Einführung zunächst etwas umständlich beginnt, sich spätestens auf der Insel angekommen aber schleunigst entknotet, so dass dem Mix aus Kampfsportfilm und Spionagekrimi, in einem zu Gunsten der Action hochgradig unterschiedlichem Gleichgewicht, nichts mehr im Weg steht.

Die pulpige 70er Jahre-Musik weiß gekonnt das zwischen professionell und unbedarft wirkende Szenario zu unterstützen, und dank einer Co-Produktion zwischen Hongkong und den USA ist in einer großen Nebenrolle zudem John Saxon besetzt, den man spätestens durch „Nightmare - Mörderische Träume“ kennen sollte. Der ist Anfang der 70er Jahre noch wesentlich schlanker und körperlich agiler und schlägt sich dementsprechend recht wacker neben dem Profi Lee, auch wenn er an dessen Können freilich kaum heranreicht.

Dank sympathischer Sprecher lohnt sich auch das Sichten in der Deutschvertonung. So wird der Oberbösewicht beispielsweise von der Stammstimme Michael Caines gesprochen, und da tut es einem regelrecht leid, dass dieser so selten zu Wort kommt, so ironisch wie sich diese Besetzung anhört. Der augenzwinkernde Umgang passt hervorragend zu einem Plot, der nicht wirklich Sinn ergibt. Warum man einem zukünftigen Opfer zuvor die Herstellung der Drogen zeigt, warum man die Insel nicht schon zuvor einnimmt, wenn doch bekannt ist, dass dort niemand Schusswaffen trägt und warum es ausgerechnet Lee sein muss, dessen Einsatz eigentlich seinem Kodex aus der Shaolin-Lehrzeit widerspricht, das weiß höchstens Autor Michael Allin, wahrscheinlicher ist es jedoch, dass ihm die Lücken seiner Geschichte einfach egal waren.

„Enter the Dragon“ (Originaltitel) ist kein geistreicher Klassiker a la „Die sieben Samurai“, er ist ganz offensichtlich für den kurzweiligen Unterhaltungswert hergestellt, quasi Action-Fast Food mit gekonnten Kampfsporteinlagen. Aber er ist ein sympathisches Werk dieser Gattung und wurde derart bekannt, dass der Markt nach noch mehr Bruce Lee-Filmen schrie, unabhängig davon ob er tot war oder nicht. So erschienen noch einige Mogelpackungen mit Resteverwertungen von Bruce Lee-Aufnahmen, und in Deutschland trickste man zudem noch eine Fortsetzung des hier besprochenen Filmes, indem man ein zuvor gedrehtes Werk mit Bruce Lee einfach „Die Todeskralle schlägt wieder zu“ nannte.


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Sonntag, 23. Juli 2017

A NIGHTMARE ON ELM STREET (2010 Samuel Bayer)


Die Teens der Elm Street träumen alle vom selben unheimlichen Mann. Als einer nach dem anderen stirbt wird Nancy klar, dass das Monster im Traum töten kann...


Der erklärte Sekundentraum...

Neuverfilmungen sind ohnehin schon stets umstritten. Wagt man sich dann noch an einen allseits beliebten Kultfilm, dann wird bereits im Vorfeld viel gemault. Bei einer Neuverfilmung von „Nightmare - Mörderische Träume“ geht das Schimpfen freilich bereits bei der Neubesetzung Freddy Kruegers los, glauben die Fans der Originalreihe doch dass nur Robert Englund in der Lage wäre den Traumdämon zu verkörpern. Interessanter Weise ist die Neubesetzung des Monsters mitunter das Beste was Samuel Bayers „A Nightmare on Elm Street“ vorzuweisen hat. Und ich persönlich konnte mit Englunds Interpretation der Rolle ohnehin schon immer wenig anfangen.

An sich ist der von Michael Bay produzierte Horrorfilm eine glattere Version des Originals, in welcher mehr erklärt wird als dort und Inhaltsänderungen zur Vereinfachung der Sachlage vorgenommen werden. Zudem wird aus einem Kindermörder ein Kinderschänder und aus einer fehlerhaften Festnahme ein Schutz der Eltern, damit die Missbrauchten nicht auszusagen brauchten. Warum Fred bei seinen Taten einen Klingenhandschuh benötigt hat, wird immer sein Geheimnis bleiben, wirklich Sinn macht das freilich nicht, aber was wäre schon ein Freddy Krueger ohne seine kultig verehrte Tatwaffe?

Hinterfragt wird ohnehin wenig, Mainstreamwaren dieser Zeit kümmern sich nicht um ein innereigenes psychologisches Verständnis, dementsprechend schnell erkennen und akzeptieren die Teens die unheimliche Sachlage, und die Hintergründe des damals Geschehenen werden den uninformierten Jugendlichen von Krueger höchst persönlich im Traum geliefert. Es wird zwar eine Vermutung ausgesprochen warum er dies tut, aber die ist nicht nur hauchdünn ausgefallen, sie erweist sich im Laufe der Handlung auch als falsch, so dass auch dieser Faktor für immer ungeklärt bleiben wird.

Ärgerlich ist die zu Model-hafte Besetzung ausgefallen. Die schlimmsten Exemplare unechter Menschen werden zwar als erstes getötet, aber auch die gerade noch akzeptablen Hauptmimen sehen nicht gerade wie die Kids von der Straße aus. Zumindest schlagen sie sich schauspielerisch wacker, das hätte ich ihnen zunächst nicht zugetraut, und letztendlich betrifft das auch den kompletten Film, der eigentlich recht ordentlich ausgefallen ist. Mehr sogar, er schaut sich richtig kurzweilig und angenehm verändert mit Blick aufs Original, bei gelegentlicher Verwendung kultiger Szenen aus dem Vorbild (z.B. die Kralle in der Wanne).

Freddy mag zwar düsterer ausgefallen sein und wesentlich besser besetzt, der Umsetzung selbst fehlt es jedoch am Spannungsbogen des 1984er Nightmare, so dass „A Nightmare on Elm Street“ eigentlich nur ein flotter Zwischendurchverzehr ist, aber diesbezüglich ist er gelungener als beispielsweise das „Stepfather“-Remake. An die Neuverfilmungen „Halloween“, „The Hills Have Eyes“ und „My Bloody Valentine“ kommt er jedoch nicht heran, dafür ist er dann doch zu routiniert und aalglatt ausgefallen. Zudem stört mancher Computereffekt. Richtig schlecht ist jedoch eigentlich nur das Erscheinen Kruegers aus der Wand des Kinderzimmers heraus ausgefallen, in welcher der Traumdämon eher wie eine Trickfigur als wie ein Schreckgespenst wirkt. Ansonsten war ich jedoch positiv vom Unterhaltungswert des Streifens überrascht, so dass man nicht all zu streng mit diesem umstrittenen Stück Wiedererzählung umgehen sollte.


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NIGHTMARE 2 - DIE RACHE (A Nightmare on Elm Street 2 - Freddy's Revenge 1985 Jack Sholder)


Jesses Familie zieht in das Haus in der Elm Street ein, in welchem Nancy einst wohnte. Nachts plagen ihn Alpträume über Freddy Krueger. Als es zu Todesfällen kommt, von denen Jesse träumte, wächst in ihm der Verdacht, dass Krueger in ihm steckt...


Kochende Eier gefangen in der biederen Pfanne...

„Nightmare 2 - Die Rache“ wird von vielen Freunden der Reihe nicht sonderlich gemocht, geht er doch eigene Wege „Nightmare - Mörderische Träume“ weiterzuerzählen, anstatt, wie ab Teil 3 nach dem Misserfolg der ersten Fortsetzung angefangen, inhaltlich dort anzusetzen wo auch Teil 1 zu Hause war. Aus der fantasiereichen Alptraum-Killer-Geschichte wird ein Plot um vorausahnende Träume in einem Mix aus Geister-Horror und Besessenen-Thematik. Und mag dies Teil 1 auch tatsächlich nur inhaltlich gestreift fortsetzen, so ist das Ergebnis doch trotzdem ein sehenswertes, vorausgesetzt man kann sich auf etwas anderes einstellen als erwartet.

Nicht dass „A Nightmare on Elm Street 2 - Freddy‘s Revenge“ (Originaltitel) einen Innovationspreis verdienen könnte, an sich ist die Geschichte tatsächlich eine recht routinierte innerhalb des Horror-Genres, aber seine Umsetzung weiß in ihrer konsequent ernst gehaltenen Art eingebettet in einer dauerhaft bedrohlichen Atmosphäre und angereichert mit einem guten Schuss Teenager-Identifikations-Dramatik zu gefallen. Wieder sichtet man Freddy nur gelegentlich, wieder darf er der düstere Boogeyman sein, und wieder ist es Englunds alberner Performance zu verdanken, dass Krueger nur selten gruselig wirkt, und selbst dann nie so stark wie seine Wirkung mit einem anderen Schauspieler hätte sein können. Zudem ist es erneut die Konsequenz mit welcher die Geschehnisse erzählt werden, die den Streifen zu einem solch gutem Ergebnis verhelfen.

Hilfreich kommt hinzu, dass die zentralen Schauspieler alle glaubwürdig als Außenseiter besetzt wurden. Warum man Jesse trotzdem stets sexy in Szene setzt? Es klingt widersprüchlich, aber es liegt daran, dass Teil 2 auf analytischer Ebene ein äußerst biederer Film ist, der die Figur des Freddy Krueger als Symbol für fehlgeleitete sexuelle Neigungen nutzt, die es zu bekämpfen gilt. Allerlei Symbolik, manches mal auch ganz offen gezeigte Verweise, wie der Aufenthalt in einer Schwulenbar, machen deutlich dass Jesse homosexuelle Tendenzen aufzeigt, die wie ein Freddy-Geschwür in ihm wachsen, bis es schließlich an der weiblichen Hauptrolle liegt, ihn wieder auf die heterosexuelle Seite zu ziehen.

Gerne wird „Nightmare 2“ bei den wenigen, welche die homosexuellen Tendenzen bemerken, als schwulenfreundlicher Plot missverstanden, aber was da versteckt in zweiter Reihe erzählt wird ist eigentlich genau das Gegenteil. Und da Freddy Krueger letztendlich für die wachsende schwule Lust steht, kommt man nicht umhin zusätzlich die Warnung hineinzudeuten, dass aus einer harmlos scheinenden Pervertierung etwas Schädliches wachsen kann. Immerhin ist Krueger ein Kinderschänder. Was manch einer für ein Synonym für unterdrückte Sexualität hält, ist in meinen Augen ein Anti-Schwulen-Appell und damit leider etwas Fragwürdiges in unserer diesbezüglich aufgeklärten Zeit.

Dennoch ändert dies nichts daran, dass die eigentliche vordergründige Geschichte toll erzählt ist. Auch sie sprüht vor einfallsreichen, mitunter sogar schrägen, Einfällen (welche meist jedoch keine so gekonnten Spezialeffekte beschert bekommen haben wie der erste Teil), auch wenn er sich aufgrund der eingeschränkteren Geschichte nicht derart austoben kann wie viele andere Teile der Reihe. „Nightmare 2“ mag biederer und konservativer ausgefallen sein - und dies nicht nur auf analytischer Ebene, sondern auch rein von seiner Horrorgeschichte her - aber er weiß in seiner Art sich keinem Fan-Publikum anbiedern zu wollen und in seinem Mut die Geschichte in eine andere Richtung zu lenken, zu gefallen.


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NIGHTMARE - MÖRDERISCHE TRÄUME (A Nightmare on Elm Street 1984 Wes Craven)


Die Jugendlichen der Elm Street träumen alle von dem selben unheimlichen Mann. Bereits nach dem ersten Todesfall vermutet Nancy, dass besagte Alpträume mörderisch sind. Als es zu einem weiteren kommt, ist sie sich absolut sicher. Da ihr niemand ihre wirr klingende Theorie glauben will, will sie sich dem Traummonster stellen...


Die Geburtsstunde des Pizzagesichts...

„Nightmare - Mörderische Träume“ muss man einfach lieben. Nicht nur dass er die typische Teenager-Besetzung eines Slashers dafür nutzt in der Durchschnittsgesellschaft psychologisch tiefer zu bohren als im Teenie-Horror üblich, insbesondere die Eltern-Kind-Verbindung und die Position zwischen Kindsein und Erwachsensein betreffend, auch ruht sich Wes Craven, der auch das Drehbuch zum Film schrieb, nicht nur auf eine schlichte „ein Killer geht um“-Geschichte aus, sondern präsentiert uns einen einfallsreichen Grundplot, der als Grundlage vieler guter Ideen herhält - auch für die vielen Fortsetzungen.

Bevor es diese gab war Freddy Krueger noch eine düstere Schreckensgestalt, die nur höchst selten einen lockeren Spruch über ihre Lippen brachte. Er ist in ein unheimliches Szenario eingebettet und dabei meist nicht zu sehen. Craven geht es um die Suspense, und da tut es gut Robert Englund kurz zu halten. Denn wenn die meisten auch behaupten ein „Nightmare“-Film ginge nicht ohne ihn, so fand ich ihn doch schon immer eher störend besetzt, weiß er seine Körperhaltung doch nicht unheimlich einzusetzen. Bereits hier wirkt er in manchen Momenten wie der Horror-Zirkusclown zu dem er später fast wurde, und das passt nicht in die Stimmung des ersten Teiles, die trotz diverser Seitenhiebe auf die Gesellschaft und das Horror-Genre gewollt düster und ernsthaft gezeichnet ist.

Der missglückten Momente diesbezüglich gibt es nur zwei oder drei, das beraubt Wes Cravens Kultfilm glücklicher Weise nicht seiner Qualität, denn starke positive Faktoren lassen geringe Schwachpunkte, die es auch in der Traumlogik zu finden gibt, regelrecht verschwinden, ist die düstere Grundstimmung doch regelrecht unheimlich zu nennen, wissen die Traumsettings und die Kameraarbeit in diesen doch hervorragend zu wirken und ist der Plot doch durchdacht auf allen drei Ebenen: der erzählten Geschichte, der Traumwelt und ihre Überschneidungen zur Realität, sowie der analytisch erzählten Geschichte in zweiter Reihe.

Nebenbei darf mal mehr, mal weniger sinnig über Träume philosophiert werden, und da sich Craven nicht nur auf den einfachen Grundplot ausruht, bekommen wir auch noch eine toll inszenierte Szene präsentiert, in welcher Nancys Träume von Fachärzten beobachtet werden, ein Abstecher von der Grundgeschichte, den diese nicht nötig gehabt hätte - mit Ausnahme ihres entscheidenden Hinweises für den Endkampf. Und auch hier kann man Craven als Autor nur beglückwünschen, schrieb er doch die beste und konsequenteste Methode der Reihe auf, wie Krueger möglicher Weise zu besiegen ist. Dementsprechend temporeich, spannend und unterhaltsam findet auch das Finale statt, dass nicht nur den Vater Nancys zum Staunen bringen wird.

In dieser Phase des Films befindet sich „A Nightmare on Elm Street“ (Originaltitel) jedoch bereits derart zwischen den Fronten Traum und Realität, dass es dem Zuschauer überlassen bleibt, wie er die finalen Geschehnisse inklusive Schluss-Gag zu verstehen hat. Nötig wäre der angehangene Schluss nicht gewesen, innerhalb dessen was ich persönlich unter Traum und Realität einstufe gibt er jedoch unlogisch wirkenden Momenten zuvor rückblickend einen Sinn. Aufgrund der starken Inszenierung hätten mich jedoch Schwankungen in der Traumlogik und ihrer Gesetze nicht gestört, eben weil es auch Zwischenzustände zwischen Traum und Realität gibt, und Craven es schafft den Zuschauer selbst in eine Art Alptraumzustand zu versetzen. Von daher hätte ich persönlich die Schlussszene nicht benötigt.

Aber was soll man über sie meckern, wenn sie doch trotz ihrer Unnötigkeit wirksam ist und ohnehin nur augenzwinkernd gemeint ist? Zudem ist sie der Anhang eines zuvor überdurchschnittlich ausgefallenen Horrorfilmes, der mit heute noch beeindruckenden Spezialeffekten aufwartet und mit Heather Langenkamp und John Saxon auch überzeugend besetzt ist. Lediglich der noch sehr junge Johnny Depp spielt blasser als erwartet, hat aber ohnehin nur die Rolle des begleitenden Sidekicks Nancys erwicht, also was soll‘s. Was bleibt ist ein Horror-Kultfilm der sich heute noch so spannend schaut wie zur Entstehungszeit und der rein von seiner Geschichte her gar nicht hätte fortgesetzt werden müssen, so vielschichtig wie Craven das Thema hier bereits ausarbeitet. Freilich bin ich trotzdem nicht böse drum, dass es zu weiteren Filmen mit Freddy Krueger kam.


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Samstag, 22. Juli 2017

GERN HAB' ICH DIE FRAUEN GEKILLT (Le carnaval des barbouzes 1966 Alberto Cardone)


Ein von der Polizei gesuchter Mörder schleicht sich in die Wohnung eines wohlhabenden Mannes, bedroht ihn mit einem Messer und teilt ihm mit am Morgen mit ihm zusammen vereisen zu wollen. Bis es so weit ist lässt er sich durch drei Geschichten über Agenten, Detektive und Rauschgifthändler von seiner Geisel unterhalten...


Zu angedeutet haben sie die Geschichten erzählt...

„Gern hab‘ ich die Frauen gekillt“, wie könnte man diesen Titel nicht mögen? Und nicht nur er und sein Entstehungsjahrzehnt machten neugierig auf mehr, auch die Aufzählung der in ihr agierenden Stars von einst ließ die Erwartungshaltung wachsen. Klaus Kinski, Karin Dor, Lex Barker, um nur einmal ein paar zu nennen, nehmen in teils größeren, teils kleineren Rollen an dem bunten Treiben des Streifens teil, der sich zu meinem Bedauern jedoch als Episodenfilm entpuppte. Stammleser wissen wie schwer ich mich mit dem Aneinanderreihen von Kurzfilmen getarnt als Langfilm tue, zumal meist keine der Geschichten dieses Formats sein volles Potential auszuschöpfen weiß - und so war es dann auch in diesem Stück cineastischer Vergangenheit.

Wie so oft bei dieser Gattung Film werden die zusammenhanglosen Geschichten durch eine dünne Rahmenhandlung zusammen gehalten, und diese enttarnt ihren Sinn erst am Ende mittels einer Schluss-Pointe, welche den erzählten Geschichten doch noch einen dünnen Zusammenhang beschert. Aber viel gehaltvoller als die dämliche Idee, dass eine Geisel seinem Geiselnehmer drei Geschichten erzählt, ist auch diese nicht ausgefallen. Dass „Karneval der Killer“ (Alternativtitel) mir nicht so gut gefallen hat ist nicht nur zu bedauern da eine kunterbunte Schar Stars mitspielte, es ist auch schade um manch sympathische Idee, die durchaus ihren Reiz für mehr geboten hätte.

So wird die zweite Episode offensichtlich humoristisch erzählt, u.a. in dem man den sie unterstützenden Off-Kommentar dafür nutzt eine Art Lehrbuch der Agentenrichtlinien vorzutragen. Sätze wie „Agentenbosse irren sich nie“ verfehlen in übertrieben selbstsicherer Betonung nicht ihre Wirkung, die dazu gehörende Bilduntermalung stärkt ihre Pointensetzung dabei meist. Die Geschichte dazu fällt eher blass und routiniert aus, leider weiß die witzige Untermalung sie nicht komplett zu stützen. Episode 1 ist ähnlich inhaltsleer ausgefallen, unterhält dafür von allen drei Episoden jedoch am besten, was hauptsächlich daran liegt, dass der Humor hier weitaus subtiler eingestreut wird. Manch einer mag sich täuschen und glauben eine ernst gemeinte Kriminalgeschichte mitzuerleben. Stattdessen amüsiert sich der Autor über die Sterotype des aalglatten Kinohelden, den Stewart Grenger gekonnt souverän, und doch überspitzt, zu spielen weiß.

Tiefpunkt des Filmes ist schließlich die mit Lex Barker in der Hauptrolle so müde erzählte Geschichte eines Detektivs, der nach diversen Frauenmorden versucht das Leben des Präsidenten zu retten. Von Humor fehlte hier jede Spur, oder ich war mittlerweile zu unaufmerksam ihn zu bemerken, auf jeden Fall dümpelt Geschichte 3 müde vor sich hin, arbeitet dabei erneut nur Klischees ab, was ohne funktionierenden Humor diesmal nicht einmal aufgrund der 60er Jahre-Stimmung des Streifens Freude bereitet. „Gern hab‘ ich die Frau‘n gekillt“ (Alternativtitel) ist in seiner Absicht eigentlich durchaus sympathisch zu nennen, in seiner Umsetzung ist er jedoch zu arg oberflächlich und routiniert erzählt, als dass er mir wirklich hätte gefallen können. Sein mageres Ergebnis mag manch anderer aufgrund anderer versteckter Stärken aufgewertet sehen, ich habe für mich jedoch nicht viele weitere als die hier benannten entdecken können.


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MONDO CANNIBALE 3 - DIE BLONDE GÖTTIN DER KANNIBALEN (Mondo Cannibale 1980 Jess Franco)


Auf einer Forschungsreise in den Dschungel wird Dr. Taylor auf seinem Schiff von Einheimischen attackiert. Seine Frau stirbt, die junge Tochter landet in der Obhut von Kannibalen. Jahre später organisiert er eine weitere Forschungsreise, in der Hoffnung dass seine Tochter noch am leben ist. Diese wird mittlerweile jedoch als Reinkarnation einer damaligen Göttin von den Menschenfressern verehrt...


Franco und die Kannibalenfilme...

Passt das? Jess Franco ist ein umstrittener Regisseur, das Genre des Kannibalenfilms ist ebenso umstritten. Es durchlebte eine recht kurze Erfolgswelle, und da sich der Titel „Mondo Cannibale“ gut verkaufte, sicherlich auch aufgrund seiner geglückten Fortsetzung, erfand man in Deutschland wie so oft ein paar Teile besagter Reihe hinzu und machte aus zwei Kannibalenfilmen Francos einen Teil 3 und 4. Während „Mondo Cannibale 4“ bereits in den ersten 5 Minuten deutlich macht, dass man eigentlich kein positives Ergebnis mehr zu erwarten hat, beginnt „Mondo Cannibale 3“, vorausgesetzt man kann mit Filmen des Kult-Regisseurs etwas anfangen, zunächst zumindest atmosphärisch routiniert. Sicherlich kam ich mir von Anfang an verarscht vor, als ich sah was für Kannibalen der alte Geschichtenerzähler da auf den Zuschauer loslässt (manche Schminke wäre einem Clown näher gekommen als dem Klischee eines Urwald-Bewohners), aber völlig ohne Reiz schien das Erzählte kurzfristig nicht zu sein.

Diesmal täuschte der erste Eindruck jedoch, denn was sich als zunächst akzeptabel für geduldige und für Alternativen offene Zuschauer guckte, entpuppte sich spätestens mit dem Rede-schwingenden Anführer der Menschenfresser als unverdaulicher Bullshit, der nicht erst mit seinen ewigen, in Zeitlupe gehaltenen, Fressattacken beginnt zu nerven. „Mondo Cannibale Massacre 3“ (Alternativtitel) ist derart dümmlich ausgefallen, dass es nichts mehr gibt was man schönreden könnte. Der gern verkannte Humor des Regisseurs findet sich in diesem Filmbeitrag nicht wieder, und auch die Improvisationskunst, die immerhin seinen im selben Jahr erschienenden „Jungfrau unter Kannibalen“ für andersgeartete Cineasten erträglich machte, weiß diesmal nicht positiv zu wirken. Zu sehr bekommt man das Gefühl, dass Franco selbst kein Interesse an diesem Stoff besaß.

So gibt es eigentlich nicht viel mehr über diesen Streifen zu sagen, außer vielleicht dass man ihn aufgrund seines Beititels bloß nicht mit „Die weiße Göttin der Kannibalen“ verwechseln sollte. Der war sicherlich auch kein geistreiches Werk, dafür aber ein äußerst sympathisches und unterhaltsames. Das abwechselnd reißerische, gelangweilte und Soap-artige Getue des hier besprochenen Filmes bietet jedoch keinen Grund überhaupt einen Blick zu riskieren. Es kommt weder Abenteuer- noch Horror-Feeling auf, und trotz Unzulänglichkeiten, die selbst jedem Ignoranten sofort auffallen würden, funktioniert er nicht einmal als unfreiwillig komischer Zwischendurchverzehr für das Trash-Publikum.


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Mittwoch, 19. Juli 2017

DER SCHINDERHANNES (1958 Helmut Käutner)


Johann Bückler wird als Anführer einer Räuberbande der Schinderhannes genannt. Zusammen mit seinen Mannen bekämpft er Anfang des 19. Jahrhunderts den deutschen Adel und die französischen Besatzer, beraubt sie und gibt das Geld an die leidenden Bauern weiter...


Hannes Hood...

Carl Zuckmayers Bühnenstück hatte mit „Schinderhannes“ aus dem Jahr 1957, „Johannes durch den Wald“ und zudem sogar gerade einmal ein Jahr nach Fertigstellung des Theaterstückes ebenfalls unter dem Titel „Schinderhannes“ erschienen bereits diverse Verfilmungen erhalten. Der mit Curd Jürgens und Siegfried Lowitz besetzte Film von Helmut Käutner ist heutzutage jedoch der bekannteste Vertreter von ihnen, und für diesen hat Carl Zuckmayer höchstpersönlich Veränderungen am Buch vorgenommen, sowie am Lied, welches auch bereits in der Theaterversion vorgetragen wird. Die Verwandtschaft zu "Robin Hood" ist unverkennbar, dennoch bildet „Der Schinderhannes“ nicht bloß ein blasses Abbild von diesem, was nicht nur an der herausragenden Leistung des wie immer genial agierenden Curd Jürgens liegt, sondern auch am Stück selbst, dessen erzählerische Stärke mich ohne jegliche Erwartungen an dieses Werk stark überraschte.

Für diese Verfilmung stand Käutner mit Blick auf die Ausstattung und die Anzahl der Statisten scheinbar reichlich finanzielle Unterstützung zur Verfügung, dennoch ist das Werk nicht pompös oder verschwenderisch wirkend ausgefallen. Ganz im Gegenteil guckt sich der 1958 fertiggestellte Film eher bescheiden, was zur Mentalität des Stoffes passt, ist der Schinderhannes doch ein Ehrenmann, dessen Taten einem Zweck unterliegen und nicht auf Hochmut und Eigensucht aufbauen. Zudem ist der Stoff wie sein Held selbst am Volk orientiert, strahlt „Duel in the Forest“ (Alternativtitel) doch eine leider längst verloren gegangene deutsche Kultur aus, atmet sie regelrecht, so dass es eine Wohltat ist dem Treiben der Mannen zuzusehen.

„Der Schinderhannes“ ist nah an seinen Protagonisten orientiert, und gerade die zentrale Figur des Johann Bückler wird uns derart intensiv nah gebracht, dass wir ihn selbst dann verstehen, wenn aus politischen Raubzügen eine Rebellion der Gegenwehr, das Entfachen eines Bürgerkrieges wird, so dass der Held ein Ehrenmann bleibt, einer der seinen Irrtum leider zu verspätet einsieht, und somit eine Figur im Zentrum steht, deren Vorgehen nicht verschönt wird, wie beispielsweise das Agieren des Kriegstreibers in „Braveheart“.

Was wie ein belustigender Abenteuerfilm beginnt, mündet Richtung Finale immer mehr in den Dramabereich. Trickreich verführt einen der Film aufgrund des lockeren Grundtones vergebens zur Hoffnung ein raffiniert eingefädeltes Handeln könne kurzfristig doch noch zu einem Happy End führen. Aber der Stoff bleibt konsequent, und der Zuschauer muss so tapfer sein wie das kürzlich zur Mutter gewordene Julchen. Wenn Hannes und seine Mannen auf dem Weg zur Hinrichtung stolz das Schinderhannes-Lied singen, widerfährt dem Zuschauer ein kurzer Moment des Stolzes und der Trauer, „Der Schinderhannes“ bleibt aber selbst in dieser Phase realistisch genug, stockt der Bande mit Blick auf die Guillotine dann schließlich doch noch der Atem, so dass der Gesang erstickt und verstummt.

Am Ende dieser wunderschön erzählten Rebellion, die einem die Wahrheit, dass die Mächtigen am Ende stets gewinnen, bitter serviert, werden wir aus dem Blickwinkel Julchens aus dem Stoff entlassen und müssen mit wehmütigem Blick zurück der Realität ins Auge sehen. In seinem konsequenten Blick auf die Macht der Herrschenden erinnert „Der Schinderhannes“ stark an den Rühmann-Film „Mein Schulfreund“, in dem ähnliches geäußert wird wie hier: vom Krieg und vom Frieden profitieren am Ende die selben Personen. Die Reichen bleiben reich, die Mächtigen bleiben mächtig, egal was sich politisch ändert. Es ist schön dass dieses poltitische Thema derart volksnah und menschenfreundlich mit Hang zur guten Stimmung erzählt wurde und nicht zu bitter moralisch oder aggressiv ausgefallen ist. Ich weiß jetzt schon, dass ich eines Tages wieder gerne zu diesem unterschätzten Stück Film greifen werde, um ihn mir ein weiteres Mal zu Gemüte zu führen.


Sonntag, 16. Juli 2017

LETHAL WEAPON (1987 Richard Donner)


Kurz nach seinem 50. Geburtstag erhält Polizist Murtaugh einen neuen Partner. Riggs ist selbstmordgefährdet und deshalb risikobereit, womit er ein Gegenbild zum stets korrekt handelnden Murtaugh bildet. Als die beiden jedoch bei der Untersuchung eines Mordfalles auf einen Drogenring stoßen, der von ehemaligen CIA-Mitarbeitern geleitet wird, muss die Sache auf Riggs Art gelöst werden...


Einige Tage vor dem schlechtesten Truthahn der Welt...

In jungen Jahren liebte ich die „Lethal Weapon“-Reihe, mochte die zwei Fortsetzungen gar noch mehr als das Original und liebte die dritte Fortsetzung, die überraschend verspätet nachgerückt wurde, als man sich gerade an den Gedanken einer Trilogie gewöhnt hatte. Teil 4 war in seiner ausgeflippten Art der Höhepunkt mit seinen enormen Übertreibungen und seinem Hauptaugenmerk auf den Humorgehalt. Erst Jahre später entdeckte ich erwachsener geworden die Stärken des Erstlings, der als einziger Teil die wirklich entscheidende Dosierung zwischen Komödie und Action bot und psychologisch gesehen weit weniger dümmlich daher kam, als die Party-tauglicheren Fortsetzungen, die sich keine Gedanken mehr zum Thema Gewaltbereitschaft machten. Nicht falsch verstehen, auch die mochte ich mit kleinen Abzügen immer noch, aber an die Qualität des Erstlings kamen sie nicht heran.

Nun sind wieder viele Jahre vergangen und eine erneute Sichtung machte mir nach Jahren der Bewunderung bewusst, wie extrem „Zwei stahlharte Profis“ (Alternativtitel) ein Großer Jungs-Film ist. Noch immer versprüht der Streifen seine Sympathie, einzelne Szenen sind so toll geschrieben, dass sie einem nie aus dem Gedächtnis verloren gehen würden (der Sprung mit dem Selbstmörder, Murtaughs Test ob Riggs wirklich selbstmordgefährdet ist, uvm), aber wirklich einfühlen konnte ich mich nicht mehr ins Geschehen, dafür war es mir zu sehr im Action-Kino angesiedelt und zu weit entfernt von der Realität. Nun will der Streifen diesbezüglich nichts anderes sein, aber der fein dosierte, teilweise subtile, Humor, der ihn vor den meisten Peinlichkeiten bewahrt, indem er Distanz zu seinem Große Jungs-Getue aufbaut, rettet ihn mit Blick von heute nicht mehr so gut wie einst. Bereits in diesem bodenständigerem Teil 1 sind die Protagonisten Comicfiguren, und aus irgendeinem Grund will das bei mir nicht (mehr) so gut funktionieren wie es heutzutage noch ein „Stirb langsam“ oder „True Romance“ schafft.

Die Geschichte entblättert sich zwar erst nach und nach, weiß aber definitiv nicht mehr derart zu gefallen wie einst, zu reißerisch ist ihr Hintergrund, zu unsinnig gehen die Hintermänner vor, zu extrem ist der Schwanzvergleich auf guter wie auf böser Seite. Wirklich peinlich wird es nur einmal, das ist jene Szene am Schluss, in welcher sich Riggs fern jedwegen Nachempfindens mit einem der Hauptgegner auf Murtaughs Rasen prügelt, ansonsten bekommt „Lethal Weapon“ immer rechtzeitig den Bogen, nie so gut funktionierend wie damals, aber doch noch immer unterhaltsam ausgefallen.

Richard Donners Werk weiß immer dann am besten zu gefallen, wenn die zwischenmenschlichen Situationen stattfinden. Da mag es in vielen Szenen ordentlich knallen, Verfolgungsjagden finden statt und böse Jungs werden erschossen (Riggs darf diesbezüglich fast die Position eines Superhelden einnehmen, ohne dessen überragenden Fähigkeiten die völlig übertriebene Geschichte überhaupt nicht funktionieren würde), aber all die Schauwerte erreichen nicht die Qualität eines Blickes in Murtaughs naiv optimistisches Gesicht, wenn er Riggs fragt, ob ihm das Essen seiner Frau tatsächlich geschmeckt habe. Auch die familiären Szenen als Gegenpol zu Riggs tristem Witwerdasein wissen in ihrer Warmherzigkeit zu gefallen, auch wenn sie so realitätsfern, da aufgesetzt, wirken, wie der Rest vom Film.

Somit ist es eher die Herzlichkeit und das Miteinander der beiden Hauptfiguren inmitten von Gewaltbereitschaft, was „Lethal Weapon“ noch immer genießbar erscheinen lässt, während seine Optik (ob nun Frisuren, oder die blaue Schrift im Vorspann) und die Saxophonuntermalung auf lächerliche Art in den 80er Jahren baden, dem einzigen Jahrzehnt, in welchem ein Actionfilm so ausfallen konnte wie hier. Die Bedrohung von Gegnern des 70er Jahre Kinos ist längst nicht mehr zu spüren. „Lethal Weapon“ ist trotz vieler einfallsreicher Szenen Formelkino, genauestens auf die Sehgewohnheiten des Publikums abgestimmt und durchkalkuliert, und eben jenes wollte seiner Zeit nichts sehen was sich echt anfühlt. Dementsprechend distanziert guckt sich Donners humoristisch gehaltene Gewaltorgie heute, ohne dabei den ernsten Ur-Beiträgen a la „Dirty Harry“ und Co, auf welche er sich im Gewaltbereich stützt, das Wasser reichen zu können.


Weitere Besprechungen zu Lethal Weapon: 


MAD MAX 3 - JENSEITS DER DONNERKUPPEL (Mad Max Beyond the Thunderdome 1985 George Miller u.a.)


Nachdem er beraubt wurde, stößt Max auf die Stadt Bartertown, deren Gründerin ihm ein Geschäft unterbreitet. Als Max sich darauf einlässt, sich jedoch nicht an die vereinbarten Abmachungen hält,  wird er ins Exil geschickt. Am Ende seiner Kräfte angelangt sackt er mitten in der Wüste zusammen und wird von einer Gruppe Kinder aufgelesen, die ihn für den Messias hält, der sie dorthin Heim bringt, wo ihre Vorfahren einst herkamen...


Bratpfannen gegen Bösewichter...

Wer auch immer auf die selten dämliche Idee kam aus „Mad Max“ einen Kinderfilm zu machen, egal ob nun für Byron, dem der Film gewidmet ist, oder nicht, der sollte sich ordentlich schämen, ist das was manch einer ein mutiges Projekt nennen dürfte nicht nur nicht geglückt, es lädt auch ebenso zum Fremdschämen ein wie einst „Ein Junge und sein Hund“, der seinerzeit in einigen Dingen sicherlich Pate für „Mad Max 2“ stand.

Nicht nur dass sich die Brutalität des bereits bekannten Zukunftsbildes, auch wenn sie stark abgeschwächt wurde, nicht mit der Mentalität eines Kinderfilmes vereinen lässt, auch der komplett undurchdachte Plot, der darauf setzt dass man sich über das Gesehene bloß keine Gedanken macht („Mad Max 4“ sollte es Teil 3 diesbezüglich nachmachen), lässt es nicht zu, dass aus „Mad Max 3 - Jenseits der Donnerkuppel“ ein guter, alternativ zur Ursprungsreihe, funktionierender Film wird.

Fans der ersten beiden Teile werden ohnehin verprellt, wenn Benzin- und Diesel-betriebene Fahrzeuge nicht mehr das Hauptgeschehen dominieren, das bizarre Zukunftsbild von einst gegen eine Jahrmarkts-ähnliche Freakshow ausgetauscht wird und ein wunderlicher Stamm von Kindern, unversehrt, scheinbar nie einer Attacke durch Anarchisten ausgesetzt, in der letzten Oase der Zukunft wohnend und trotzdem auf Utopia hoffend, an die unbeliebten Ewoks aus „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ erinnern. Hier wird der Zeitgeist deutlich, in welchem der Film entstand, wurde geistreiches Provo-Kino doch immer mehr gegen undurchdachtes Unterhaltungskino für die ganze Familie ausgetauscht, und das weiß am hier besprochenen Werk auch ohne Blick auf die beiden ersten Teile zu nerven.

Wenn Kinder sich gnadenlosen Banditen per Bratpfanne zur Wehr setzen, die einzige Autoverfolgungsjagd dafür genutzt wird mit kindlischer Begeisterung Tuff Tuff Tuff-Lokomotive zu spielen und das Ganze zudem noch hin und wieder mit Musik untermalt wird, die auch in einem „Pippi Langstrumpf“-Film Platz gefunden hätte, dann atmet man nicht mehr den Stoff, den der Ur-Fan der Reihe sehen will. Dann setzt man auf ein völlig neues Publikum.

Nicht nur dass typische 80er Jahre-Schrulligkeiten dem Zeitgeistcharakter einer dystopischen Welt nach dem Krieg seine eigene Identität berauben und somit das Entstehungsjahr in eine alternative Zukunft teleportiert, auch neu aufgekommene Unannehmlichkeiten dieser Zeit, wie das Besetzen eines Stargastes, egal ob dieser schauspielern kann oder nicht, in diesem Falle die damals gerade angesagte Tina Turner, bekommen ihren Platz in einem Film beschert, der nur noch Produkt ist, Geldmacherei und somit alles andere als ein Herzensprojekt. Das zeigt allein die schlecht choreographierte Verfolgungsjagd am Schluss, die bei weitem nicht die Mühe beschert bekommen hat, die noch hinter dem großartigen Finale des Vorgängers steckte.

Viel mehr konzentriert man sich diesmal auf barbarische Spielereien, die in einer Serie wie „Lexx“ zu gefallen wissen, dort aber auch nur, weil sie augenzwinkernd betrachtet werden. Die Löwenarena namens Donnerkuppel und das selten dämliche Schicksalsrad für Gesetztesüberschreiter, wird hingegen viel zu ernst genommen innerhalb eines Filmes, in dem nicht nur Kinder sich gegen einem Haufen skrupelloser Barbaren locker zur Wehr setzen können, sondern eine neu aufgebaute Zivilisation in dieser bitteren Zeit zudem so einfach ohne Sicherheitsvorkehrungen einzunehmen ist, wie es uns Richtung Finale völlig dreist demonstriert wird.

Ich weiß nicht woran es liegt, dass sich „Mad Max Beyond Thunderdome“ (Originaltitel) trotzdem noch halbwegs brauchbar guckt, anstatt dass sein Fremdschämen ihn gnadenlos vernichtet, aber auf ganz dünnem Eis schreitend funktioniert die Umkehrung des zweiten Teiles halbwegs, vielleicht auch weil Spiegelungen zu diesem bewusst angegangen werden. Max bleibt diesmal freiwillig zurück für die bessere Zukunft einer Gesellschaft. Und auch er könnte eines Tages ein Happy End erleben, wenn er irgendwann die Lichter in der Ferne sieht und Teil der neu gegründeten Gesellschaft werden kann. Aber was ist das Hausen in den Ruinen einstiger Großstädte für ein Happy End, alternativ zum vorherigen Wohnort der Kinder, am fließenden, sauberen Wasser gelegen, in einem „Planet der Affen“-ähnlichen kleinen Dorf, an dessen Ort sogar ein paar Pflanzen wachsen?

Aber wer sich solche Fragen stellt, gehört bereits nicht zum Zielpublikum dieses dümmlichen Filmes, der sich nur auf Denkverweigerer verlässt, oder auf jene, die es so geil finden actionreiches Familienkino zu sichten, inklusive der für das junge Zielpublikum obligatorischen Rutschpartie-Szene, dass es ihnen vor lauter infantiler Schauwerte egal ist, dass alles um sie herum keinen Sinn ergibt. Damit kann man aber zumindest dem Mainstream-Publikum von heute, welches scharf auf „Deadpool“, „Transformers“ und Co ist, „Mad Max 3“ als kleinen Filmklassiker gleichem Niveaus ans Herz legen.


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MAD MAX 2 - DER VOLLSTRECKER (Mad Max 2 1981 George Miller)


Ein Krieg hat das Land zu einer öden Wüste verkommen lassen, und in dieser streifen die Überlebenden in ihren Fahrzeugen umher, immer im Kampf um Treibstoff. Max stößt auf eine Gemeinschaft, die aufgrund ihrer hohen Ölreserven einer gewaltbereiten Rockergruppe ein Dorn im Auge ist...


Der zukünftige Anführer berichtet...

Max ist nach wie vor kein strahlender Held. Ganz im Gegenteil hat er jegliche zivilisierte Eigenschaften seines Charakters gänzlich über Bord geworfen. Und auch nachdem er die Chance bekommt in einer rauen Welt wieder Teil einer Gemeinschaft zu werden, lehnt er dies als Einzelgänger ab. Konnte man in „Mad Max“ noch darüber streiten ob Max es Schuld war die Chancen da draußen zu überleben falsch eingeschätzt zu haben, besteht diesmal kein Zweifel, wenn er trotz des Wissens der lauernden Gefahr in der Nähe sich von der Gemeinschaft, mit der er einen Deal hatte, verabschiedet, um nur kurz darauf bereits zu scheitern.

Die Welt hat sich seit Teil 1 enorm verschlechtert. Nach einem Krieg herrscht die Anarchie in dem zur Wüste verkommenen Land. Eine Form von Fremdschutz existiert nicht mehr, jeder muss sich selber helfen. Jeder ist auf der Suche nach Sprit für sein Fahrzeug. Es haben sich extremistische Gruppen gebildet, die wildernd durchs Land ziehen, aber auch Einzelpersonen ist nicht zu trauen. Die einen gehen trickreich vor, andere plump. Gewaltbereit ist in dieser Welt jeder. Und da ist auch Max keine Ausnahme - und wird auch im kleinen Maße sein Anstand ein wenig zurückerweckt: er wird zu einer solchen auch nicht mehr werden.

Fehlte es dem ersten Teil an Empathie für die Hauptfigur und seine Leiden, was zu einem Schwachpunkt eines ansonsten gelungenen Streifens wurde, ist das Weglassen des Selbigen in „The Road Warrior“ (Alternativtitel) ein Pluspunkt. Der Film konzentriert sich auf die Erweiterung des bereits in Teil 1 vorbereiteten veränderten Weltbildes, zeigt nüchtern das Treiben der Menschen unter solchen Bedingungen und ist dabei, ebenso wie der Vorgänger, frei von einer moralischen Stellungnahme. Die Zukunft hat sich mehr denn je zu einem bizarren Zirkus Tempo-geiler Freaks entwickelt, und es bereitet einen Heidenspaß die verschiedenen Figurentypen, die individuell zusammengeschusterten Maschinen und die Gesetzmäßigkeiten dieser düsteren Welt zu entdecken und auf sich einwirken zu lassen.

Die Geschichte schreitet ein wenig flotter voran als im Vorgänger, ist aber trotzdem noch trocken und intensiv genug ausgefallen, um nicht zum reinen Partyfilm a la „Mad Max 4“ zu verkommen. Die schlicht gehaltenen Charaktere sind der Geschichte neben dem glaubwürdigen Weltbild das wichtigste Element welches es zu beachten gibt, und aus Letztgenanntem ergibt sich automatisch die Gesetzmäßigkeit einer schlicht gehaltenen Geschichte. Komplexe Vorgänge existieren in dieser brutalen Zukunftswelt nicht mehr. Die Zukunft ist eine Zeit der Begegnungen geworden, in einer Welt in welcher man dem Gegenüber nicht trauen darf.

Zwischen ruhigen, tristen Momenten und rasanten Verfolgungsjagden springt „Mad Max 2 - Der Vollstrecker“ immer wieder hin und her, und dank des trockenen Grundtons, der nur selten durch leichte Züge der Menschlichkeit oder durch das leise Anklingen (schwarzen) Humors gebrochen wird, und des bizarren Weltbildes weiß das alles unglaublich gut zu wirken. Interessante Gegner, ein wirksamerer Mel Gibson und ein atemberaubendes Finale, in welchem sich Regisseur Miller als ausgezeichnet darin erweist den Überblick zu behalten und eine Art Crash-Choreographie zu erschaffen, wie es sie so zuvor noch nicht gegeben hat, zeigen innerhalb einer intelligent durchdachten, minimalistisch gehaltenen Geschichte, dass solch effektgeladenes Actionkino alles andere als zwingend plump ausfallen muss, selbst dann wenn eine Geschichte gnadenlos auf direktem Wege erzählt ist und in einer oftmals wortkargen Inszenierung nur das nötigste sprechen lässt.

Dass wir am Ende gar nicht wie gedacht die Geschichte von Mad Max erlebt haben, sondern eine ganz andere, in welcher der Titelheld lediglich Mittel zum Zweck war, ist nur eine jener großartigen Ideen, die „Mad Max 2“ zu dem tollen Film macht, der er ist. Durch seine mystische Art, die er gerade in den zu Beginn und am Ende eingesetzten Off-Kommentaren auszustrahlen weiß, fällt er noch eine Spur atmosphärischer als sein Vorgänger aus. Und obwohl die Fortsetzung eine Spur lauter und schriller ausgefallen ist als der noch wesentlich nüchterner präsentierte Teil 1, und obwohl ich eigentlich ein reduzierteres Vorgehen im Filmbereich bevorzuge, gefällt mir Teil 2 gerade wegen der dichten Atmosphäre die er innerhalb einer furchterregenden Welt erzeugt, um einiges besser als sein Vorgänger, auch wenn das realitätsentrücktere Treiben einem im Gegensatz zu Millers erstem Streich nicht mehr solche Furcht vor der Gegenwart bereitet. „Mad Max 2“ ist ein durchdachter Adrenalin-Kick mit einem Helden, der zum Zweck des Sieges auch mal das Leben eines Kindes riskiert - ein schönes Beispiel dafür, wie ungeschönt Miller uns beweist wie gnadenlos die Zukunft ausgefallen ist.


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MAD MAX (1979 George Miller)


In der nahen Zukunft terrorisieren Motorradrocker die Straßen. Die Polizei ist im ständigen Kampf mit ihnen. Als Cop Max durch sie seine Familie verliert, geht er auf Rachefeldzug...


Max wird Mad...

Die Zivilisation besteht noch, aber sie steht auf wackeligen Beinen. Ihr Ende ist in Sicht. Die Polizei ist kaum noch in der Lage gewaltfrei für Gerechtigkeit zu sorgen. Max betont in einer Szene, der Unterschied zwischen der Polizei und den zu bekämpfenden Wilden sei nur noch das Abzeichen. Er glaubt noch rechtzeitig abspringen zu können, aber egal wohin es einen zieht, die Anarchie macht sich breit. Eine Familie ist nirgendwo mehr sicher. Der Schein und das Vertrauen auf Altbekanntes trügt. Das muss Max bitter erfahren, bis er schließlich zu dem wird, was er verhindern wollte: ein Outlaw auf der Straße, der im Kampf nur noch mitmischt anstatt die gute Sache zu vertreten. Er rächt sich auf selbem Niveau, und man benötigt nicht erst einen Teil 2 um zu erkennen, dass sein Zustand sich danach nicht rehabilitieren wird.

George Miller inszeniert den Film minimalistisch. Mit schlichten Mitteln erweckt er eine trostlose Zukunft, eine Art Zwischenbereich zwischen der unseren Realität und jener aus „Mad Max 2“. Überall bröckelt es, der Krieg findet auf den Straßen statt. Selbst ein Mann wie Max, der diesen Kampf jeden Tag miterlebt, unterschätzt wie weit die Gesellschaft bereits abgerutscht ist. Nach dem Verlust der Familie hat er nichts mehr zu verlieren, und Miller präsentiert uns Max‘ Selbstjustiz frei jedweder Moral oder Kritik. In einer Welt, in welcher der Straftäter durch Gesetzeslücken frei kommt, hält Max sein Tun für gerechtfertigt und tritt damit in die Fußstapfen von „Dirty Harry“. Der Zuschauer darf dies entweder ebenso sehen oder nicht, da mischt sich Miller, der am Drehbuch mitgeschrieben hat, nicht ein.

Max ist mit dem damals noch sehr jungen Mel Gibson überraschend unspektakulär besetzt. Er ist noch kein harter Haudegen, und rein optisch würde man ihm seinen täglichen Kampf auf den Straßen nicht ansehen. Gibson wirkt in der futuristischen Polizeikluft ebenso glaubwürdig wie als liebender Familienvater, aber wie ein harter Hund sieht er nun wirklich (noch) nicht aus. Da es mimisch zudem zu dieser Zeit beim guten Mel noch zu wenig zu holen gab, musste Miller durch seine rasante, direkte und brutale Inszenierung für den nötigen Wandel vom Ehrenmann zum Rächer sorgen, damit die Geschichte trotz Milchgesicht glaubwürdig bleibt.

Was Gibson in jungen Jahren noch nicht aufzufangen weiß, erledigt somit der Regisseur, und der macht seine Sache so gut wie es das dünne Drehbuch zulässt. Zwar weiß der trostlose Blick in die nahe Zukunft und der Minimalismus auf der einen Seite zu gefallen, da aber die Action wesentlich mehr im Vordergrund steht als eine brauchbare, mitzuempfindende Dramaturgie, fühlt sich der Gesamtfilm trotz sättigender Optik ereignisreicher Szenen ein wenig leer an. Dies nicht in solch einem Maße, dass „Mad Max“ nicht zu funktionieren wüsste, aber doch eine Gleichgültigkeit ausstrahlend, die ihn daran hindert eine Höchstleistung zu entfalten. Gesehen haben sollte man diesen ungewöhnlichen Film aber durchaus mindestens einmal.


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Sonntag, 9. Juli 2017

TINTORERA! - MEERESUNGEHEUER GREIFEN AN (Tintorera 1977 René Cardona Jr.)


Der reiche Stephen bezirzt am mexikanischen Strand Frauen und macht auf dem Wasser Jagd auf Tigerhaie. Ein besonders aggressiver Hai hat es auf Menschenfleisch abgesehen, und nachdem er sich dies in Form von Stephens Bekannten gegriffen hat, macht dieser sich auf die Jagd nach dem Killerhai...


Frauenheld Stiglitz...

Wer zusehen will wie ein mürrischer Egomane trotz seiner unsympathischen Art reihenweise Frauen abschleppt, der ist bei „Tintorera! - Meeresungeheuer greifen an“ im richtigen Film. Wer hingegen einen billig im Fahrwasser von „Der weiße Hai“ abgedrehten Ableger erhofft, der wird den Großteil des Streifens mit der Fernbedienung vorspulen müssen oder noch besser einen weiten Bogen um René Cardonar Jr.‘s Film machen, gibt es doch außer echter Unterwasseraufnahmen von friedlich vor sich hin schwimmender Haie lange Zeit nichts anderes zu diesem Thema zu sehen. Freilich gibt es dies auch nicht, wenn der Hai doch mal hin und wieder einen Menschen ins Jenseits befördert, werden Realaufnahmen der Bestie und des Opfers doch so schlecht aneinandergepappt, dass da nie Stimmung, geschweige denn eine glaubwürdige Attacke, stattfindet.

Meist baggert Stephen, gespielt vom nicht spielen könnenden Hugo Stiglitz, aber ohnehin nur allerhand Weibchen an. Zunächst per Fernglas aufgelauert für sich allein (ein wenig an seine Rolle in „Die Rache der 1000 Katzen“ erinnernd), schließlich vereint mit seinem Kumpel Miguel, dem er drei Szenen zuvor noch aus Eifersucht die Fresse polieren wollte. Mexikaner sind halt wahre Männer, die auch gerne mal wetten wer als erstes ein auserkorenes Mädel ins Bett bekommt. Auf solche Asozialen steht das schwache Geschlecht an diesem Strand, ach was, eigentlich auf alles was baggert, denn selbst zwei Mexikaner, die gerade zwei Urlauberinnen auf ihrem LKW vergewaltigen wollen, werden überrascht, indem die beiden jungen Frauen, die ihr Opfer werden sollten, bereitwillig ihre Höschen ausziehen.

Um dies mitzuerleben muss man jedoch die auf DVD erhältliche Zwei-Stunden-Fassung sichten, wurde „Tintorera! Tigerhaie greifen an“ (Alternativtitel) seinerzeit in Deutschland doch auf unter 80 Minuten geschnitten, was in diesem Falle ein Segen gewesen sein dürfte. Bei all dem lahmen Getue wette ich darauf, dass selbst diese Fassung ihre Längen aufgrund inhaltlichen Leerlaufs haben dürfte. Die Langfassung im Deutschton wird zudem zu einer nervigen Angelegenheit, weil wirklich ständig die Schere angesetzt wurde und das Verwenden des Originaltons somit nicht nur zur Ausnahme stattfindet, sondern in ähnlicher Gewichtung zu den Synchronszenen. Wenn dann noch der Untertitel fehlt, wie auf der unglaublichen Sharkbox, nervt das Ganze geradezu penetrant, zumal es erst ab der 10. Minute die erste deutsch gesprochene Szene zu erleben gibt.

Wer aufgrund des Titels glaubt neben Haie würden auch Meeresungeheuer ihr Unwesen treiben, der hat sich von einem reißerischen Titel in die Irre führen lassen. „Tintorera“ ist lediglich ein Hai-Horror, und dies auch nur in wenigen seiner Szenen und ein lahmer noch dazu. Zudem geht es aufgrund des Haijagd-Themas den Viechern mehr ans Leder als den Menschen, was aufgrund echter Tötungsszenen einen bitteren Beigeschmack hinterlässt. Die Helden sind nun einmal wahre Männer, und diese gehen nicht nur auf Hasenjagd, sondern suchen auch den Schwanzvergleich zu den Tigern der Meere. Freilich ist der komplette Film so blödsinnig ausgefallen wie der vorangegangene Satz, allerdings ohne dabei ein unfreiwilliger Trash-Tipp zu werden. „Tintorera“ ist ein tolles Schlafmittel und sollte in Apotheken als solches verkauft werden, anstatt in DVD-Geschäften als Hai-Horror.


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NUMBERS STATION (The Numbers Station 2013 Kasper Barfoed)


Weil er durch die Verweigerung der Tötung einer jungen, unschuldigen Frau nicht agierte, wie vom Arbeitgeber gewollt, wird US-Agent Emerson nach England strafversetzt. Auf einem geheimen ehemaligen Ami-Stützpunkt begleitet er eine Mathematikerin, die per Funk per Zahlen codierte Aufträge an die amerikanischen Agenten auf der ganzen Welt versendet. Doch als man eines Tages zum Schichtwechsel eintrudelt, wird der Stützpunkt von Terroristen bedroht. Alle Leitungen nach außen sind gehackt. Emerson und sein Schützling sind auf sich allein gestellt...


Von wegen Beschützer...

Mag der Aufhänger für den Laien auch ziemlich hanebüchen klingen, das simple Grundkonzept sich alleine gegen eine Belagerung zur Wehr setzen zu müssen, ist ein wirksames, das war es schon in anderen Werken wie „Assault - Anschlag bei Nacht“. Und da sich Regisseur Kasper Barfoed und Autor F. Scott Frazier hauptsächlich auf die Psyche der Eingeschlossenen konzentrieren, einzig deren Perspektive betrachtend und der Suspense den Vorzug geben, anstatt der Actionszenen, kann man über das Ergebnis von „Numbers Station“ eigentlich nicht klagen. Manch einem mag er etwas zu routiniert ausgefallen sein, ich persönlich mag jedoch seine direkte, Kammerspiel-artige Umsetzung, die ohne großen zusätzlichen Schnickschnack auskommt, der wahrscheinlich eher pseudohaft das simple Geschehen aufgewertet hätte.

Im Raum steht ohnehin ein zum Grundszenario passender zusätzlicher Aufhänger, und das ist der Irrtum der Mathematikerin zu glauben der Agent wäre zu ihrem Schutz auf dem Stützpunkt engagiert. Emerson steht vor dem selben Dilemma, wie er es zu Beginn des Streifens stand. Erneut soll er wen Unschuldiges umbringen, damit der Stützpunkt aufgelöst werden kann. Die Codedierein weiß einfach zu viel. Ob Emerson die Tat aufgrund des Parallelereignisses seiner Vergangenheit lediglich vor sich hinschiebt, oder ob er tatsächlich erneut handfeste Gewissensbisse hat, weiß man aufgrund seiner Ausbildung nicht konkret, die Vermutung zu Letzterem steht jedoch relativ klar im Raum, so dass man nicht wirklich mit großen Überraschungen am Schluss rechnen muss. Zumindest sorgt gegen Ende ein Dialog mit wem ähnlicher Ausbildung für einen kleinen Einblick in die traurige „Nikita“-ähnliche Welt Emersons, letztendlich ist „Numbers Station“ jedoch recht oberflächlich gezeichnet und geht psychologisch, wie analytisch nicht genügend eigene Weg, um ihn aufgrund solcher Momente als tiefsinnig bezeichnen zu können.

Ob das Treffen mit dieser Art Arbeitskollegen ein Nachdreh zum besseren Verständnis für das Publikum war, weiß ich nicht. Es wäre jedoch gut möglich, werden doch auch innerhalb des Restfilmes immer wieder Szenen unnötig eingestreut, die noch einmal das verdeutlichen sollen, was längst klar war. Tonaufnahmen werden unnötige Bildrückblicke für den Zuschauer beschert, welche unsere Protagonisten nicht miterleben, Backflashs sollen an bereits erlebte Szenarien erinnern, obwohl das Storygerüst wie bereits erwähnt nicht sonderlich kompliziert ausgefallen ist, ständig wird dem Zuschauer eine Orientierung geboten, die nicht nur nicht nötig gewesen wäre, sondern dem Geschehen auch ein gutes Stück Authentizität kostet.

Rein von der Stimmung her hätte es dem Streifen zudem gut getan nicht zu zeigen, was bildlich während der Tonaufnahmen passiert ist. Das kurz vor dem Eintreffen unserer Helden Geschehene ebenfalls nur akustisch mitzuerleben, hätte der Situation einen Suspensemoment beschert, welcher die angespannte Atmosphäre noch eine Spur konsequenter hätte erscheinen lassen, so dass man sich näher mit den beiden Hauptfiguren hätte identifizieren können. Aber dieser Gedanke scheint heutzutage zu mutig für einen Film dieses Genres zu sein, dessen Hauptpublikum nach Produzentendenken scheinbar für solche Stilmittel zu einfach gestrickt ist. Wahrscheinlich darf man schon dankbar dafür sein in „Numbers Station“ nur die eine Seite mitzuerleben, ohne die Pläne der Gegenseite vor die Nase gesetzt zu bekommen.

Atmosphärisch genug ist das fertige Werk jedoch dennoch ausgefallen. Zudem ist es mit John Cusack gut besetzt, der angenehm routiniert erneut wen spielen muss, dessen Arbeit das Töten ist. Im selben Jahr von „Numbers Station“ agierte er wesentlich lahmer im mauen „Frozen Ground“, so dass man über das bisschen Mehrengagement, welches er hier an den Tag legt, bereits dankbar sein kann. Es reicht, damit der hier besprochene Film funktionieren kann, zumal Cusack über eine Ausstrahlung verfügt, die bereits reicht um eine Rolle zu stemmen, die charakterlich nun wirklich nicht sehr tief geht. Seine Spielpartnerin Malin Akerman wirkt eher wie das zu beschützende Anhängsel und hat nicht wirklich etwas Großartiges zu leisten. Das mag ein wenig schade sein, zeigte sie doch beispielsweise in „Nach 7 Tagen ausgeflittert“ was für gute Arbeit sie leisten kann, aber auch sie weiß im zurückhaltenden Modus zu überzeugen und wirkt zudem immerhin sympathisch auf den Zuschauer.

Dieser Faktor ist auch nicht zu unterschätzen, eben weil man von der Identifikation her an den Agenten gebunden ist, und so den inneren Konflikt Emersons mitempfinden darf. Dies zwar oberflächlich gehalten wie alles im Film, ein besseres Drehbuch hätte einen richtig tiefgründiges Geschehen aus dem Psychospiel der kompletten Situation gemacht, gerade wenn man nur zwei Figuren im Fokus hat, letztendlich reicht das in seiner Lightversion Vorgetragene aufgrund einer stimmigenen Umsetzung aber bereits aus, um einem Publikum mit wenigen Erwartungen den kleinen Thriller für zwischendurch zu bieten.


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Donnerstag, 6. Juli 2017

STONEHEARST ASYLUM - DIESE MAUERN WIRST DU NIE VERLASSEN (Eliza Graves 2014 Brad Anderson)


Ende des 19. Jahrhunderts besucht ein junger Arzt aus Oxford die abgelegen liegende Nervenheilanstalt Stonehearst Asylum, um praktische Erfahrungen im Umgang mit geisteskranken Menschen zu erlangen. Die Methoden mit frei umherlaufenden Patienten kommen dem jungen Mann recht modern vor. In seiner ersten Nacht wird er durch wundersame Geräusche jedoch auf eingesperrte Menschen im Keller aufmerksam gemacht, die ihm klar machen, dass sie die Ärzte und Pfleger der Anstalt sind und dass das Haus von den Wahnsinnigen übernommen wurde. Der junge Arzt scheint ihre einzige Rettung zu sein der Gefangenschaft zu entkommen...


Humaner Betrüger, zweifelhaftes Original...

Ein wenig hat mich „Stonehearst Asylum“ an „Shutter Island“ erinnert, sind doch beide Filme professionell abgefilmt und hervorragend besetzt, lässt ihre eigentliche Geschichte aber, trotz interessantem Aufhänger, doch eigentlich zu wünschen übrig. Während man im Vergleichsfilm in die wahren Geschehnisse schneller eingeweiht war, als es dem Autor lieb gewesen ist, herrscht hier auf freiwillige Art eine ähnliche Situation. Denn wer glaubt der auf einem Werk von Edgar Allen Poe erzählte Film spiele mit der Frage, ob Wahnsinnige im Keller nur behaupten Ärzte zu sein, oder ob es sich bei den Eingesperrten wirklich um die Belegschaft des Sanatoriums handelt, der wird, so wie ich, überrascht sein, dass es von Anfang an diesbezüglich keine Zweifel gibt. Die Menschen im Keller sind die tatsächlichen Angestellten und Leiter der Klinik.

Das enttäuscht zwar, weckt gleichzeitig aber das Interesse welchen Zweck die Geschichte verfolgt, wenn sie doch von Anfang an mit offenen Karten spielt. Und tatsächlich wird ein interessanter Zusatzaspekt der grundlegenden Geschichte hinzugefügt, welcher Gut und Böse ein wenig zu vermischen vermag, besitzt der betrügerische, angebliche Leiter der Klinik doch wesentlich mehr Empathie den Patienten gegenüber, als der echte, eingesperrte Chefarzt, der mit den damals üblichen, bestialischen Methoden versuchte Geisteskranke zu heilen. Das beeinflusst die Vorhersehbarkeit der Reststory jedoch nur bedingt, so dass selbst dieser Aufhänger das Ruder nicht wirklich herumzureißen weiß aus Brad Andersons Film doch noch ein sehenswertes Werk zu machen. Zudem fußt auch diese Erweiterung auf der ewigen Gut- Bösetrennung amerikanischer Werke, eine Unterteilung mit der ich als Freund von Graustufen in einem bodenständigen Stoff nichts anzufangen weiß.

Es ist nicht so, dass „Eliza Graves“ (Originaltitel) keinen Blick wert wäre, er ist toll gespielt, imposant dekoriert und inhaltlich auch halbwegs interessant. Er ist nur leider weder spannend, noch dramatisch genug ausgefallen, als dass sich aus diesen wundervollen Zutaten etwas Gehaltvolles entwickeln würde. „Stonehearst Asylum - Diese Mauern wirst du nie verlassen“ plätschert eher sanft vor sich hin, ist nett zu schauen, aber ohne wahre Höhepunkte versehen, und ein unnötiger Schlusstwist, der alles zuvor Geglaubte auf ein weiteres umstößt, wirkt so unnötig wie konstruiert, bereichert das fertige Werk somit also auf keinen Fall.

Im Gegenzug dazu dürfen zumindest die alteingesessenen Starmimen Michael Caine und Ben Kingsley auf ein weiteres beweisen, was sie schauspielerisch drauf haben, spielen sie ihren jeweiligen Part doch keineswegs lustlos mit halber Backe herunter. Beide knien sich derart in ihre Rollen hinein, als ginge es um einen gnadenlos großartigen Film, und genau diesem Engagement ist es hauptsächlich zu verdanken, dass der Streifen trotz Vorhersehbarkeit, dem Ignorieren interessanter Chancen und dem zu häufigen Streifen von Klischees (insbesondere in der Schwarz/Weiß-Zeichnung von Gut und Böse) ein Film geworden ist, den man durchaus an einem regnerischen Tag schauen kann als kleinen Film für zwischendurch. Wer aufgrund der Story, des Autors und der Starbesetzung mehr erhofft, wird vom übermäßig vorhandem Mainstream jedoch gnadenlos erschlagen.


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Dienstag, 4. Juli 2017

THE REEF - SCHWIMM UM DEIN LEBEN (The Reef 2010 Andrew Traucki)


Bei einem Segelausflug fünf junger Menschen rammt das Schiff ein Riff. Zwar kann man sich auf das auf dem Wasser treibende Schiffswrack retten, da die Strömung es jedoch immer weiter ins Meer treibt und es zudem bald unterzugehen droht, beschließen vier der Gruppe wieder ins Wasser zu steigen und auf ein 15 Meilen weit geschätztes Festland loszuschwimmen. Mitten auf dem offenem Meer werden sie von einem Hai bedroht...


Was nach der Schildkröte kam...

Ähnlich wie „Open Water“ und „The Shallows“ versucht „The Reefs“ das Thema Hai-Horror auf Survival-Art zu verarbeiten. So wie der erstgenannte Vergleichsfilm lässt man Menschen auf offener See treiben und von einem Hai bedrohen. Mögen die Dialoge auch nicht ausgefuchst ausgefallen sein (was aufgrund der Situation auch ziemlich Fehl am Platz gewesen wäre), zumindest reden die auf dem Meer treibenden jungen Leute in „The Reef“ keinen so unnötigen Stuss wie dort. Trotz dramatischer Momente verkommt das Gesprochene hier nie zur Seifenoper, viel zu angespannt sind die Figuren inmitten der angespannten Situation, dementsprechend wortkarg fällt das Miteinander aus, glaubwürdige Grimassen der Furcht machen sich zunächst bei der Ungewissheit ob ein Hai in der Nähe ist breit und schließlich bei dem vollen Bewusstsein, dass die Befürchtung sich bewahrheitet.

Das schaut sich manches Mal entspannter als man meinen sollte, wechselt sich aber stimmig mit nervenkitzeldenen Momenten ab, in welchen man als Zuschauer vor Spannung den Atem anhält, gerade immer in jenen Szenen, in welchen der Erfahrenste der Gruppe mittels Taucherbrille Ausschau unter Wasser hält, um einzuschätzen wie gefährlich gerade die jeweilige Situation ist. Wie glaubwürdig der Aufhänger des Plots ist, weiß ich nicht zu beurteilen. Für einen Laien des Meeres klingt Lukes Vorschlag zum Aufbruch Richtung nicht sichtbares Festland jedoch plausibel. Ebenso verhält es sich mit der Situation auf dem Wasser. Wer Erfahrenes diesbezüglich mag das mit mehr Kenntniss jedoch anders sehen.

Wie auch immer, zumindest für Couch-Potatoes wie meinereiner weiß die Chose zu funktionieren, auch wenn die Protagonisten hier leider nach zu erwartender Reihenfolge ihr Leben lassen müssen. Zudem kommt der Schluss ein wenig zu plötzlich, und über das Schicksal des fünften Mannes, der auf dem Wrack zurückgeblieben ist, wäre ich gerne per Szeneneinblendung anstatt per finalem Schriftzug unterrichtet worden. Scheinbar wollte man mit dem Ausblenden seines Schicksals den Aufhänger, dass „The Reef - Schwimm um dein Leben“ nach einer wahren Begebenheit erzählt ist, authentisch aufrecht erhalten, aber wer glaubt schon noch an dieses einst werbewirksame Versprechen? Wo andernorts weniger mehr ist, hätte ich in diesem Falle gerne mitbekommen wie er da ganz allein auf dem Wrack sein Ende gefunden hat.

Auch wenn „The Reef“ nur phasenweise jenen Grad Spannungskino erreicht, den man sich von ihm erhofft, ist er doch ein unterhaltsames Stück Nervenkitzel auf offener See. Die Leistung der Mimen weiß zu gefallen, ihre Panik steckt an, die Figurenzeichnung ist glaubwürdig ausgefallen, ebenso wie der Aufhänger der Geschichte, und noch selten habe ich einen Hai-Horror mit realen Haiaufnahmen gesichtet, der diese so förderlich für den Spannungsbogen einfängt wie hier. Wo andere Filme an echten Haien scheitern, eben weil sie meist nur wie billig reingeschnitten wirken, erntet „The Reef“ mit der selben Methode sein Authentizitäts-Plus.


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