Sonntag, 28. Mai 2017

FINAL EXAM (1981 Jimmy Huston)


Auf einem kleinen College in Amerika laufen die Abschlussprüfungen auf vollen Touren, als eines Nachts ein Fremder das Gelände betritt und im Schatten agierend damit beginnt Studenten und Angestellte zu ermorden...


Anonymität als Maskenersatz...

Spätestens „Freitag der 13.“ entfachte Anfang der 80er Jahre eine Slasher-Welle in den amerikanischen Kinos, vereinfachte dieser doch die Rezeptur eines „Psycho“ und „Halloween“, so dass Nachahmer nicht mehr länger einen besonders hohen Anspruch anvisieren mussten oder gar einen sonderlich nennenswerten Spannungsbogen abzuliefern hatten. Von nun an musste lediglich ein Killer auf Teenager losgelassen werden, da es genau das war, was das Publikum von einst sehen wollte. Produziert wurde allerhand, so dass im Meer der Veröffentlichungen mancher Film im Laufe der Jahre in Vergessenheit geriet, und dazu zählt auch „Final Exam“, der wahrlich nur etwas für den Stammgast dieses Sub-Genres ist.

Man erkennt sowohl am Inszenierungsstil, als auch an der Methode des Killers, dass „Halloween“ das wichtigste Vorbild des Streifens war. Ob das eine vernünftige Wahl war, sei einmal dahingestellt. Zwar gehört Carpenters Geniestreich zweifelsohne zu den besten Slasher-Beiträgen, der Versuch an dessen Klasse anzuknüpfen kann bei einer schnell heruntergekurbelten Billigproduktion aber eigentlich nur scheitern. Nicht dass „Halloween“ nicht selbst eine eben solche war, aber Carpenter besaß das nötige Gespür für gekonnten Spannungsaufbau und ein Feingefühl für die Psychologie von Personen und Situationen. Jimmy Huston, der sowohl für Drehbuch als auch für die Regie des hier besprochenen Streifens verantwortlich war, fehlen diese Eigenschaften jedoch.

Zwar schafft auch er es manch packenden Moment zu kreieren, meist dann wenn er optisch im Dunkeln wirksam den Killer gekonnt eingefangen bekommt, wirklich spannend schaut sich das nicht um Überraschungen bemühte Geschehen jedoch nicht. Letztendlich hält sich „Examen“ (Alternativtitel) nicht aufgrund der tatsächlichen Horrorereignisse über Wasser, sondern eher durch die oberflächliche, aber liebevoll genug gezeichnete Figurenschar. Deren Wirksamkeit hat man jedoch eher den Verantwortlichen der Besetzung zu verdanken als Jimmy Huston. Mögen die Darsteller auch zu alt besetzt sein, wie es geradezu typisch für amerikanische Studentenfilme ist, besetzt sind sie ansonsten allein optisch bereits passend zum jeweiligen Figurentyp.

Da wirkt die nicht um Oberflächlichkeiten bemühte Heldin tatsächlich wie das Mädchen von nebenan, und der Streber ist ein dürres Hemdchen mit schmalen Schultern, anstatt ein sportlicher Typ, dem man, wie so gern in Konkurrenzprodukten geschehen, lediglich eine Brille aufsetzt. Ich würde fast so weit gehen zu behaupten, dass die Heldin in ihrer einfachen, natürlichen Art sogar ähnlich gekonnt zu wirken weiß, wie Jamie Lee Curtis seinerzeit in „Halloween“. Es ist jedoch das Drehbuch, welches ihr einen Strich durch diese Rechnung macht, denn im Finale häufen sich idiotischste Handlungsweisen der jungen Frau, die ihrem an sich intelligenten, bodenständigem Charakter widersprechen und sie plötzlich so gar nicht mehr sympathisch erscheinen lassen.

„Final Exam“ ist nicht nur ein Lehrstück darüber, dass sich ein Film wie „Halloween“ nicht einfach unreflektiert kopieren lässt, indem man dessen äußere Hülle nachahmt, über ihn wird auch deutlich wie wichtig es für den Slasher ist, dass der Täter ein Symbol der Entfremdung benötigt. Eine Maske oder eine Verunstaltung sorgen dafür, dass der Täter einen fast unmenschlichen Touch beschert bekommt. Im hier besprochenen Film schleicht jedoch ein Jedermann mit Messer umher, was sicherlich lobenswert gemeint ist, aber auch wenn Huston vom Finale einmal abgesehen stets das Gesicht des Täters versteckt oder wahlweise schnell wegblendet, diese Methode hat weder die intensive Wirkung eines mystischen Myers, noch die eines bedrohlichen Jason.

All zu streng muss man mit „Final Exam“ jedoch nicht umgehen. Mit „Prom Night“, „Die Todesparty“ und Co gibt es heute noch halbwegs bekannte Vertreter des Slashers, die nicht besser, teilweise sogar schlechter als dieses vergessene Produkt ausgefallen sind. Komplettisten können also durchaus einen Blick riskieren, ohne dabei den untersten Bodensatz durchstöbern zu müssen. An solch tolle Beiträge wie „Die Forke des Todes“ oder „Die Horror-Party“ reicht „Examen“ jedoch nicht ansatzweise heran, da er weder reflektierte Raffinesse, noch einen nennenswerten Spannungsbogen besitzt.

„Examen“ ist etwas zu theoretisch ausgefallen, um wirklich zu gefallen. Er ist zu sehr Grundlagenprogramm des vorgegebenen Musters und wagt zu wenig individuelles, als dass man ihm ein Wiederentdecken durch Slasher-Fans wünschen würde. Andererseits ist der teilweise an „Kristy“ und „Pledge Class“ erinnernde Horrorfilm Hustons jedoch solide und trocken genug umgesetzt, um sich hinterher nicht über das Gesehene ärgern zu müssen. Das ist beim Durchstöbern unbekannter Beiträge dieser Gattung Film keine Selbstverständlichkeit.


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Dienstag, 23. Mai 2017

ROCKY 3 - DAS AUGE DES TIGERS (Rocky 3 1982 Sylvester Stallone)


Boxweltmeister Rocky Balboa kündigt gerade seinen Abschied vom Boxsport an, da lässt er sich von dem aggressiven Clubber Lang provozieren, der nie eine Chance auf einen Kampf gegen Rocky bekam. Rocky lässt sich auf einen Kampf ein, ist im Laufe der Zeit aber zu zahm geworden um es ernsthaft gegen eine Stärke wie Lang aufnehmen zu können und verliert dementsprechend haushoch. Für einen Rückkampf steht ihm als Trainer sein ehemaliger Gegner Apollo Creed zur Seite, der im zivilisierten Boxer Rocky wieder das Auge des Tigers wecken möchte - den wahren Kampfgeist eines hungrigen Aufsteigers...


Creeds Rehabilitierung...

Waren die ersten beiden Teile der Boxer-Saga „Rocky“ noch auf die Gesamtperson Rocky Balboa konzentriert, erzählt „Rocky 3“ eine reine Boxergeschichte. Der Vater, der Ehemann, die Person mit den privaten Problemen tritt in den Hintergrund, darf eigentlich nur kurz heraustreten in einer rührenden Trauersequenz, wenn Mickey während eines Dialogs mit dem Titelhelden stirbt, ansonsten geht es jedoch einzig um die Karriere des Berufskämpfers, und dieses dritte Kapitel schaut sich, als würde es sich von selbst schreiben. Die Idee dass der Weltmeister seinen Biss verloren hat und zivilisiert wurde, wie Mickey es nennt, weiß zu gefallen. Und diese Thematik trifft auf eine weitere interessante.

Rocky war ein Prolet, aber ein Ehrenmensch, ebenso wie Apollo. Menschen wollen solche Personen in Siegerpositionen sehen. Clubber Lang, Rockys Herausforderer, ist jedoch ein Prolet der aggressiven Sorte, zu anständigem Sozialverhalten nicht in der Lage, aus seiner Wut heraus Boxer geworden. Er hat sich selbst trainiert, sich ganz allein von unten nach oben hochgearbeitet, und doch erntet er keinen Respekt, was verständlich ist, spricht er ihn anderen gegenüber schließlich auch nicht aus. Lang ist ein Asi, ein Kämpfer völlig anderer Liga als Rocky, was den Kampf mit einem zahm gewordenen Champion um so unfairer macht.

Die Geschichte mit diesen beiden Ideen im Zentrum ist ein Selbstzünder, und wenn nun noch Appollo Creed an die Seite Rockys tritt, kann die Verbrüderung losgehen, deren Nachhall noch bis zum siebten Teil der Reihe, dem Spin-Off „Creed“, zu hören sein wird. Nicht nur dass zwei lieb gewonnene Charaktere nun Hand in Hand anstatt gegeneinander antreten dürfen, die Figurenzeichnung Creeds ist eine Wiedergutmachung für „Rocky 2“, in welchem Creed keineswegs so menschlich weg kam wie in Teil 1 und dem hier besprochenen Teil.

Creeds Charakter wurde auf ein fragwürdiges Niveau heruntergeschraubt, dem gottesgläubigen Ehrenmann Rocky gegenüber gestellt, so wie es nun mit Clubber Lang gehandhabt wird. Der ist jedoch ein asoziales Wesen, den Kampfsport für seine Wut missbrauchend, ein Niveau welches Creed nie kannte. Und nun wird dessen Charakter wieder richtig gestellt. Wir lernen den Menschen hinter der Fassade des Kämpfers kennen, ein Geschäftsmann, zugegeben, aber einer mit einer Vision, mit Talent, mit Durchhaltevermögen, mit Gefühlen und mit Humor.

Ich weiß noch wie sehr mich Audrey stets in den Filmen ab Teil 3 genervt hat, wenn sie ihren klassischen Monolog halten durfte, der Rocky aus einer Krise heraus reißt. Erstmals schaue ich mir die „Rocky“-Reihe im Originalton an und endlich weiß sie zu funktionieren, die Gewissensstimme Adriens, die tatsächlich wachzurütteln und zu motivieren weiß. Ich bin gespannt ob sie in den Fortsetzungen ebenso fruchten wird wie hier, in „Rocky 3“ erfüllt sie zumindest ihren Auftrag und hat allein dadurch einen Zweck, nachdem „Rocky 2“ aus der Ehefrau des Boxers fast eine unnötige Nebenrolle machte.

„Rocky 3 - Das Auge des Tigers“ mag nicht mehr so viele Ecken und Kanten wie die Vorgänger besitzen, er ist feingeschlifferner, mainstreamiger ausgefallen. Aber letztendlich tut dies dem Film gut, zeigte ein Blick auf Teil 2 doch, dass eine tiefer gehende Vorgehensweise nur dann Sinn ergibt, wenn es auch wirklich etwas zu erzählen gibt. „Rocky 3“ konzentriert sich erstmals einzig auf den Sport, und der Geschichte sei Dank wissen diesmal sogar die für den Boxsport eher unrealistischen Straßenköter-Kampfmethoden zu überzeugen, wenn beide Gegner wie die Tiere billig aufeinander einschlagen, was diesmal überraschender Weise recht gut in Szene gesetzt wurde. Die gewonnene Schnelligkeit Rockys, auf die in seinen gelungenen Trainingsszenen gesetzt wird, wird auch in den Boxszenen deutlich und zur Wichtigkeit für den finalen Kampf, im Gegensatz zum Trainingsaufhänger des Vorgängerfilmes.

Gute Kampf- und Trainingssequenzen in einer reizvollen, sich fast selbsterzählenden, Geschichte, präsentiert über längst lieb gewonnene Figuren, so mag die Geschichte des immer wieder aufstehenden Rocky zu gefallen, zumal sie diesmal nicht so selbstbeweihräuchernd umgesetzt ist wie in der ersten Fortsetzung. Ganz so gesellschaftskritisch wie sein Aufhänger ist der Blick auf den Profisport des Boxens schlussendlich nicht ausgefallen, die „Rocky“-Reihe muss man spätestens ab diesem Teil lediglich als Kinomagie auf sich einfließen lassen, denn eine realistische Auseinandersetzung zu dem Thema sieht anders aus.

Andererseits wirkt „Rocky 3“ noch nicht so verträumt jenseits jeglicher Normalität wie „Rocky 4“, in dem es nicht nur eine fast unbesiegbare Kampfmaschine geben wird und die übelste Form von Patriotismus, sondern zu alle dem auch noch einen Roboter, wie aus einem Science Fiction-Film entlaufen. Die Realität in „Rocky 3“ ist zumindest von der unseren nur etwas entrückt, um die Kinomagie zu polieren, um die Wirkung zu verschönern und sich mit einem Kämpfer mitzufreuen, wenn dieser siegt. Der (durchaus amüsante) Hirnriss wahrlich fern jeder Realität folgt erst einen Film später.


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MARNIE (1964 Alfred Hitchcock)


Als die Diebin Marnie sich wieder einmal unter falschem Namen bei einer Firma um eine Stelle bewirbt, erkennt der Inhaber des Betriebs die junge Frau von einer ihrer früheren Identitäten wieder, verrät ihr dies aber nicht und stellt sie ein. In den Wochen vor ihrer Tat nähert und verliebt er sich in sie, und als sie schließlich wie zu erwarten tätig wird, lässt er ohne ihr Wissen alle Spuren ihres Raubes verschwinden und zwingt sie zur Heirat mit ihm. Von nun an versucht ihr neuer Gatte hinter das Geheimnis ihres Zwangs zu Stehlen zu kommen, um sie zu heilen. Es scheint in direktem Zusammenhang mit ihren psychologischen Ausrastern zu stehen, wenn sie die Farbe Rot sieht...


Freud für Anfänger...

Eigentlich ist „Marnie“ ein exzellent gespieltes und inszeniertes Drama, an welchem es rein stilistisch nichts zu meckern gibt. Der Inszenierungsstil ist elegant und damit an der männlichen Hauptrolle, die Sean Connery verkörpert, orientiert, der Erzählstil langsam gehalten, rätselhaft ausgefallen, das Drama im Vordergrund stehend und der Thriller- und Krimigehalt so minimalistisch gehalten, dass selbst der Romantikanteil über diesem triumpfiert, obwohl Hitchcock die Geschichte frei von Kitsch und romantisch ansteckenden Gefühlen umsetzt - und dies obwohl die Liebe der Auslöser allen Tuns der Rolle Connerys ist.

So mag „Marnie“ zu seiner Erscheinungszeit ein beeindruckendes Stück Film gewesen sein, heutzutage, wo selbst der Desinteressierteste in Sachen Psychologie grundlegende Kenntnisse über Freuds Theorien besitzt, will das so lobenswert umgesetzte Stück Film nicht mehr wirklich wirken. Hitchcocks vereinfachter Umgang mit dem Bereich der Psychoanalyse war schon immer Schwachpunkt seiner Filme, wie beispielsweise die Schlussszene im sonst so brillant ausgefallenen „Psycho“ zeigt. Dem konnte solch ein kleiner Ausrutscher nicht wirklich etwas anhaben, „Marnie“ jedoch, der sich voll und ganz auf Hitchcocks Schulmädchen-Psychologie stützt, kann in aufgeklärten Zeiten wie heute daran nur scheitern.

Die erste Hälfte, die sich einst rätselhaft schaute, ist heutzutage schnell durchschaut, lange Zeit bevor Hitchcock kurz vor Ende des Films den psychologischen Schleier Marnies lüften darf. Die zweite Hälfte wiederum ist nicht stark genug im Thriller-Bereich angesiedelt, als dass es das aufgrund vereinfachter psychologischer Ansätze nicht ernst zu nehmende Drama auffangen könnte. „Marnie“ schaut sich trotz all seiner Pluspunkte, zu denen selbst die raffinierte Namensgebung der Hauptfigur gehört, zu naiv, als dass man heutzutage noch wirklich intensiv in sein Geschehen eintauchen könnte. Und das ist schade, ist Hitchcocks zweiter Film mit Tippi Hedren nach dem grandiosen „Die Vögel“, doch ansonsten ein gutes Stück Film.

Zumindest bleibt „Marnie“ aufgrund seiner starken Umsetzung ein theoretisch interessantes Stück Drama, eines mit charmantem Retro-Touch, eines das einem noch immer Respekt einflößt, auch wenn man heutzutage nicht mehr in seine Geschichte eintauchen kann. Aber selbst mit diesem kleinen Trostpflaster steht er noch immer weit hinter den großen Werken des Meisters zurück, eben weil viele von diesen heute noch so frisch wie damals zu funktionieren wissen. „Marnie“ steckt jedoch in seiner Zeit fest, eine Zeit in welcher der Durchschnittsbürger noch mit den Kinderschuhen Freuds Psychoanalyse zu beeindrucken und zu überraschen waren. Damit scheitert „Marnie“ zumindest nach all den Jahren nicht an etwas vorrausschauend Selbstverschuldetem, wie manche Werke, die sich einzig auf Modeerscheinungen ihrer Entstehungszeit stützten, sondern kann letztendlich nichts dafür, dass er heutzutage nur noch in der Theorie funktionieren kann.


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Sonntag, 21. Mai 2017

ROCKY 2 (1979 Sylvester Stallone)


Obwohl sich beide am Ende ihres Kampfes einig waren, dass es keinen Rückkampf geben soll, fordert Apollo Creed Rocky aus verletztem Stolz heraus Monate später auf zurück in den Ring zu steigen. Rocky weigert sich zunächst, aber seine angespannte finanzielle Situation bietet ihm kaum eine andere Wahl als die Herausforderung gegen den Weltmeister im Boxen anzunehmen...


Umschulung auf rechts...

Sylvester Stallone übernimmt in der Fortsetzung des Erfolges „Rocky“ selbst die Regie und versucht im Großen und Ganzen Avildsens Stil des Vorgängers beizubehalten. Er erzählt seine Geschichte ruhig und möglichst unaufgeregt, lässt den Zuschauer lange Zeit auf die Rückkehr ins Training warten und hält ihn auch im finalen Kampf lange Zeit hin, ehe die Entscheidung um Verlier und Sieger getroffen wird. Aber weder das Drehbuch, noch die imitierende Regieführung sind so gut ausgefallen wie im Erstling. Zwar ist „Rocky 2“ durchaus ein nettes Filmchen, zu unterhalten weiß er, er reißt den Zuschauer aber nicht mehr so enorm mit, wie es das Original und mancher Nachfolger der Reihe schaffte. Letztendlich wirkt „Rocky 2“ nur wie ein Wiederaufguss der bereits erzählten Geschichte.

Dabei sind einige Ideen wirklich hervorragend zu nennen. Rocky nutzt sein kurzzeitiger Ruhm nichts, da er mit seinem mangelnden Talent nicht zum Werbeträger geeignet ist. Und Mickeys Plan aus dem Linkshänder einen Rechtshänder zu machen, ist auch nicht von schlechten Eltern, bekommt im fertigen Kampf aber nicht wirklich eine Bedeutung, so hirnlos plump wie die beiden Kontrahenten aufeinander einprügeln, was noch mehr nach Straßenköter-Kampf aussieht, als es bereits im ersten Teil der Reihe der Fall war. Boxen sieht anders aus. Freunde des Sports werden die Augen verdrehen. Aber Bewunderer der Reihe sehen darüber gerne hinweg.

Leider ist die erste Hälfte um Rockys Alltag nicht halb so interessant ausgefallen wie im Vorgänger. Viele Liebesmomente zwischen Adrian und Rocky, bei denen keinesfalls romantische Gefühle für den Zuschauer aufkommen, hemmen immer wieder die Wirkung der besseren Drehbucheinfälle. Bereits hier wirkt Adrian nur wie ein Beiwerk, zur zweiten Hälfte hin wird sie fast völlig egal für die Geschichte und dient zusammen mit dem gemeinsam gezeugten Sohn nur noch als Motivator für den Sportler. Man könnte es als Spott betrachten, dass die emotional stärkste Szene zwischen dem frisch verheirateten Paar genau dann stattfindet, wenn Adrian im Koma liegt. Aber es ist wahr, und wenn Rocky um seine Ehefrau weint, weiß dies wahrlich zu rühren.

Charakterlich gibt es einige Ernüchterungen zu erleben. Pauly fällt in der Fortsetzung für seine Verhältnisse recht sozial aus und schlägt erst im Dialog mit Adrian über die Strenge, dann aber um zu helfen. Ich persönlich finde es gut, dass er ab Teil 3 wieder ins alte Muster zurück fällt, die Milde die er hier aufweist, will nicht recht überzeugen bei solch einem auf sich fixierten Menschen, der zur Selbstrefelxion nicht in der Lage ist. Schlimmer ist jedoch die Figurenzeichnung Apollo Creeds ausgefallen, der nun jegliche Milde im Gegensatz zu Pauly verloren hat und nur noch das Arschloch mimen darf, welches auf Teufel komm raus den Rückkampf will. Anders als erwartet, bleibt er selbst dann unsympathisch, wenn er im Rampenlicht nicht mehr die Rolle des Bad Guy spielen müsste.

Wenn nun diesem humorlosem, bösartigem Schwarzen der ewig betende, Gottesgläubige Italiener Rocky entgegen gesetzt wird, fragt man sich fast was hier auf rechts trainiert wurde, Rockys Faust oder Stallones Weltsicht - eine in der nicht nur faschistische Tendenzen aufzukeimen scheinen (zumindest mit übersensiblisiertem Blick von heute), sondern in welcher zudem die Selbstbeweihräucherung einige unangenehme Höhepunkte erhält, was zuvor genannten Punkt noch extremer erscheinen lässt. Das Zujubeln der Menge während des Trainings, die ihm folgenden Kinder beim Joggen und diverse Trainingssequenzen, die nur enthalten zu sein scheinen, um zu beweisen zu was Stallone in der Lage ist, und nicht Rocky, durchbrechen den ruhigen, bescheidenen Stil, den Stallone ansonsten von Avildsen kopiert. Und das will nicht wirklich miteinander harmonieren.

Nun sind dies alles Schwachpunkte, die „Rocky 2“ daran hindern so großartig auszufallen wie der Vorgänger, vielleicht zählt dazu auch die Entscheidung im Finalkampf diesmal eindeutiger den kleinen Aufsteiger zu feiern als bisher, indem dieser diesmal dem Champion den Titel weg nimmt. Dank der bekannten wichtigsten Charaktere (mit einer verstärkten Position Mickeys), dem klassischen Soundtrack und der noch immer enthaltenden Sympathie zum Gesamtwerk der Rocky-Reihe, schafft es aber auch die Fortsetzung angenehm zu unterhalten. Allerdings bildet sie auch in diesem annehmbaren Zustand den Tiefpunkt der Reihe, der von den meisten anderen Zuschauern Teil 5 zugesprochen wird.

„Rocky 2“ ist jedoch viel mutloser ausgefallen als dieser, zu sehr darauf bedacht Teil 1 ohne nennenswerte Geschichte nachzuahmen, als dass der Vergleich zum inhaltlich mutiger ausgefallenem „Rocky 5“ ein fairer sein könnte. Die etwas zu lieblos umgesetzte Kampfchoreographie im finalen Wettstreit vollendet das unausgegorene Gesamtbild der ersten Fortsetzung, so dass es um so erstaunlicher wirkt, welch sympathischer Film letztendlich doch noch aus „Rocky 2“ wurde. Somit ist der Film vergleichbar mit seinem Helden. Er steht immer wieder auf, selbst wenn man denkt dass alles vorbei wäre.


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Samstag, 20. Mai 2017

ROCKY (1976 John G. Avildsen)


Boxchampion Apollo Creed entscheidet zu Promotionzwecken mit einem unbekannten Boxer in den Ring zu steigen. Die Wahl fällt auf Rocky Balboa, der sich im Ring als unerwartet hartnäckiger Gegner herausstellt...


Wie ein Linkshänder sich doch noch die Nase brach...

Die Geschichte von „Rocky“ und Sylvester Stallone geht Hand in Hand parallel einher. Stallone wird zusammen mit Rocky zu einem Star, richtet sich mit etlichen Comebacks immer wieder auf und erlebt eine Karriere über viele Jahrzehnte hinweg. „Rocky“ erzählt die klassische Geschichte welche Amerikaner immer wieder gerne über ihr Land hören: dass hier aus einem Niemand ein Jemand werden kann, dass hier jeder eine Chance hat. Und die Parallelereignisse zwischen Stallone und seiner Figur Rocky zeigen, dass in der Ausnahme an diesem Hoffnungsschimmer vieler Armer etwas dran ist. John G. Avildsens Film ist gut erzählt, er hätte keine zusätzliche Hilfe nötig um zu gefallen. Und doch puscht es das Sichten von „Rocky“ ungemein, dass dies der Start der Karriere des Autors und Hauptdarstellers Stallone war, und egal wie tief man es schafft in den Film einzutauchen, ein Hauch Stallone schimmert immer wieder in der Figur Rocky durch, was ich keinesfalls als Nachteil empfinde.

Ich bin ohnehin emotional an die komplette Filmreihe gebunden, empfand Wehmut beim nostalgischen Spin-Off „Creed“ und weinte kleine Tränen im überraschend großartigen „Rocky 6“. Ich konnte über „Rocky 4“ aufgrund seiner lächerlichen Extreme herzhaft lachen, ich empfand die Geschichte von „Rocky 3“ trotz des peinlichen Aufhängers des Auges des Tigers als äußerst reizvollen Fortsetzungsgedanken und selbst mit dem oft gescholtenen „Rocky 5“ konnte ich trotz zu extremer Klischees etwas anfangen, imponierte mir doch der Mut einen Rocky-Film lediglich mit einem Straßenkampf, anstatt mit einem großen Boxkampf enden zu lassen.

Bei meiner erneuten Sichtung des Erstlings nach etlichen Jahren versuchte ich „Rocky“ einmal nicht in der üblichen Euphorie zu sichten, die er üblicher Weise in mir auslöst. Ich wollte mit meiner seit damals angewachsenen cineastischen Erfahrung einmal einen möglichst objektiven, ehrlichen Blick auf jenes Sport-Drama werfen, welches so viele Menschen verzaubert hat. Und ich war überrascht wie extrem nüchtern der Film eigentlich erzählt ist. Relativ frei von Theatralik zeigt uns der Film mit Rocky einen Menschen, der weder charakterliches Vorzeigeideal der Gattung Mensch ist, noch ein sonderlich aufregendes Leben vor seinem Boxkampf mit dem Champion führt.

Man darf es Stallone hoch anrechnen, dass sein Drehbuch sich trotzdem in der ersten Hälfte einzig Zeit für die Nichtigkeiten in Rockys Leben gönnt. Erst nach dieser beginnt der Film mit dem Training für den bevorstehenden Kampf. Die Verantwortlichen für die Umsetzung von „Rocky“ erkannten das Potential der Figuren. Ja, es war ein Werk über den amerikanischen Traum, aber eben weil der Film sich nicht ziemlich direkt dieser Thematik widmet, erkennt man, dass den Köpfen hinter dem Filmprojekt bewusst war, welch starke Charaktere die Geschichte ausmachten, Charaktere die nach außen so gar nicht stark wirken. Rocky ist ein Prolet, der zwar ordentlich kämpft, in seinem Beruf aber nie den großen Sprung geschafft hat. Sein Auftreten ist zwar freundlich aber ordinär, seine Wirkung auf den Zuschauer keinesfalls sympathisch, höchstens etwas bemitleidenswert.

Das Unauffällige, geradezu Alltägliche in den Figuren Adrian, Mickey und Co übt diese Faszination innerhalb einer nichtig wirkenden ersten Stunde aus. Und wenn der Film gelegentlich zu Apollo Creed schwenkt, so wird selbst dieser doch ebenfalls nicht als großer Ungewöhnlicher gezeigt, den er im Showgeschäft so gerne spielen mag. Diese Bodenständigkeit tut schließlich der zweiten Hälfte des Filmes gut, die immerhin gewagt die Geschichte von einem Nobody erzählt, der den Champion im Boxen gewaltig ins Schwanken bringt und alles andere als ein leichter Gegner für zwischendurch ist. Die Bodenständigkeit sorgt für die Glaubwürdigkeit in dieser Hälfte, die bei anderer Herangehensweise leicht hätte ins Wanken geraten können.

Man merkt dem Autor und dem Regisseur an, dass ihnen der Stoff wertvoll erschien. Er wird mit größtem Respekt vor der Geschichte und den Charakteren umgesetzt. Etwas überrascht war ich von den Trainingssequenzen, hatte ich doch nicht mehr in Erinnerung, dass wir lediglich Rocky bei seinen Vorbereitungen beiwohnen, Apollos Training wird nicht gezeigt. Der Boxkampf wird schließlich zum Highlight des Streifens, so wie es sein soll, so dass „Rocky“ auch in diesem Punkt klassisches amerikanisches Erfolgs-Kino ist. „Rocky“ ist 70er Jahre Kino, er darf trotz großer Kinoauswertung noch langsam und in stillen Tönen erzählt sein. Diesen Luxus gönnte man sich damals noch, und deshalb schaut sich der Streifen auch kaum wie Mainstream, der er seinerzeit eigentlich war.

Rückblickend würde man ihn inszenatorisch aufgrund seiner emotional zurückhaltenden, so gar nicht dramatisch gepuschten, Art dem Europakino zuordnen. Lediglich die erzählte Geschichte drückt ihm endgültig den Amerikastempel auf. Somit ist „Rocky“ selbst dann noch ein beeindruckender Ausnahmefilm, wenn man Stallones Erfolgsgeschichte, die Fortsetzungen des Streifens, oder den Verweis auf den amerikanischen Traum kurzfristig wegblendet. Avildsen hat mit seiner sensiblen, realitätsnahen Umsetzung der Filmwelt ein besonderes Werk beschert. Und mit „Karate Kid“ bewies er im darauffolgenden Jahrzehnt, dass er ein gutes Sportler-Drama selbst dann noch beherrscht, wenn Moral, Kitsch und übermäßige Klischees, kurzum die typischen 80er Jahre-Krankheiten, die dem Kino nachhaltig schaden sollten, mit ins Geschehen treten.


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